Herr Sommer?

Wenn mir langweilig ist, zum Beispiel in der Strassenbahn, liebe ich sie, die kleinen Gedankenspiele mit der Zeit. Dann fühlt es sich so an, als ob Zeit ein reines Konstrukt wäre und ich jede Zeitachse übereinander legen könnte. Ich sehe mich selbst dann an diesem Ort vor ein paar Jahren, ich überlege mir, wie es wäre, wenn ich mir selbst ins Gesicht blicken könnte. Ich sehe Menschen, die ich kenne, in Zukunft und in vergangenen Bildern.

Heute war ich früh wach. Nachdem ich meine Geschäftsmails geordnet und meinen morgigen ersten Arbeitstag im neuen Jahr vorbereitet hab, zog ich meine Jacke an und ging spazieren. Mit Musik in den Ohren lief ich am See entlang, durch den dunklen Park, hoch zur Villa mit Blick über die Stadt. Es ist mir kein einziger Mensch begegnet, ausser ein alter Mann, der strengen Schrittes die Strasse entlanglief. Ich habe also mein Zeit-Spiel gespielt und mich gefragt, ob dieser alte Mann jemand sein könnte, den ich heute kenne, dessen Zukunft jetzt aber – durch eben dieses Übereinanderlegen der Zeit – für mich sichtbar wird. Vielleicht blickt er mich an und denkt „Lustig, die Frau hier sieht aus wie jemand, den ich vor langer Zeit mal gekannt habe“. Ich betrachtete seine Gesichtszüge und fragte mich, ob er glücklich ist. Ob er noch immer Abenteuer erlebt, ob er ausgelassen tanzt, ob er zu Hause jemanden hat, der unter der warmen Bettdecke auf seine Rückkehr wartet. Ich beschloss, dies alles anzunehmen und lächelte. Er erwiderte mein Lächeln.

(Für immer eingebrannt, wenn es sich um alte Männer handelt, die strengen Schrittes gehen, die man von Weitem sieht, hat sich dieser Text: Die Geschichte von Herrn Sommer. Wenn noch nicht gelesen, dann sowas von extrem unbedingt nachholen!)

Verwoben

Es gab einmal einen Künstler, ein Vorbild sozusagen, mit dem pflegte ich vor etwa zehn Jahren eine Brieffreundschaft. Es waren einige Nachrichten, die wir uns hin und her schickten, bis wir eine gemeinsame Sprache hatten, bis wir eine Tonlage hatten, die nur uns gehörte. Auf die letzte Nachricht von ihm, die ich erhalten habe und die ich je erhalten werde, denn er ist mittlerweile verstorben, hab ich nicht geantwortet. Meine unfertige Antwort liegt noch immer – seit fast zehn Jahren – in den „Entwürfen“ in meiner Mailbox. Als ich von seiner Krankheit aus den Medien erfuhr, habe ich ihm nicht geschrieben, ich dachte, ich hätte Zeit. Als ich dann von seinem Tod – diesmal über Push-Notification einer Zeitung direkt auf mein Mobile – erfuhr, habe ich fast nichts gefühlt. Ich hatte keinen Zugang zu meinen Gefühlen. Jetzt, da dieser Zugang zurückkehrt, trifft es mich sehr.

Ich weiss, dass man sich im Laufe eines Lebens solcher Dinge schuldig macht und man es nicht ändern kann. Trotzdem fühle ich jetzt die Reue, die Scham, die Trauer und die Demut.

Heute habe ich deine letzte Nachricht – nach fast zehn Jahren – das erste Mal wieder gelesen. Und da habe ich gefühlt, weshalb ich damals nicht darauf antworten konnte. Es war zu nah und viel zu weit weg. Zu weit weg von meinem Ton, von dem, was ich war und wie ich mich sah. Es war, als hättest du warme Butter über mich gekippt. Versteh mich nicht falsch, ich hätte natürlich darauf antworten können, ja sogar müssen. Ich hätte sicher einen Weg gefunden, wenn ich meiner mächtig gewesen wäre.

Hier hilft keine Entschuldigung und keine Blumen. Hier bin ich auf mich allein gestellt. Ich gehe jetzt durch die Trauer und die Scham und dann, wenn ich diese Gefühle hinter mir gelassen habe, fühle ich die Zuneigung, die Freude und erinnere mich an uns, daran was gut & schön war.

Ich sehe Dich in den Raum kommen, denke meinen viel zitierten Satz, denke auch: sehe nur ich das? Marianne befand später, Du sähest “ganz schön fertig “aus, die Seite sah ich nicht, ich sah etwas Exzessives, Gezeichnetes, Durchlässiges, Haptisches. Ich glaube ich mochte Dich schon da umarmen.

So sind wir, wir gehen ganz und gar zugrunde und erheben uns wieder.

Sei was du bist, gib was du hast

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

Dieses Gedicht hat mir „Zitat“ damals geschenkt. Wie es ihm wohl geht, was er wohl tut? Manchmal sind wir blosse Geburtshelfer, kurze Wegbegleiter. Manchmal sind wir füreinander gerade mal für drei Tage geschaffen. Für diese drei Tage aber perfekt. Und dann kommen wir an die Kreuzung, die wir lange schon am Horizont gesehen haben. Sie schien anfangs noch weit. Wir stehen also da. Schauen uns an, lachen. Geben uns die Hand und umarmen uns dann doch. „Trag Dir Sorge“, „Lass dich nicht unterkriegen“, „Wir sehen uns“. Ein letzter Blick zurück und schon schiebt sich die erste Erinnerung zwischen uns.

Masel tov!

Manchmal erwächst aus Leid etwas Schönes. Als hätte man ein kleine Flocke auf den staubtrockenen, vergifteten Boden geworfen und als wäre dann, plötzlich, ein Jahr später etwas daraus entstanden. Unmerklich, langsam. Durch die Erde gekämpft, hochgewachsen und dann erblüht. Man mag es mit Staunen und Zittern betrachten.

Ich sage nicht, dass ich die Zeit mit Größe und Gleichmut überstanden hätte. Das habe ich nicht.
Ich sage nicht, dass ich mit Zuversicht in die Zukunft blicke. Das tue ich nicht.
Ich behaupte nicht, dass ich meine Angst und meine Sorgen losgeworden bin – über Nacht. Das bin ich nicht.
Ich befinde mich nicht jetzt hier und sage: Endlich Licht! Das sage ich nicht.
Auch sehe ich nicht plötzlich die Schönheit wieder. Oh, nein, das tue ich nicht.
Trotzdem erkenne ich diesen Anflug von Verwunderung. Dieses ungläubige: Wirklich? Ist DARAUS etwas erwachsen? Wie kann das sein? Wie, zur Hölle, ist das möglich?

Alles kommt und alles geht. Oder in meinem Fall gerade: Alles geht und alles kommt. Masel tov!

Laienhaft vernäht

Wollherz

Heartfelt by Sarah Mandall

„Warum er traurig war? Vielleicht, weil die Welt sich enttäuschend ausnahm, sobald man erkannte, wie dünn ihr Gewebe war, wie grob gestrickt die Illusion, wie laienhaft vernäht ihre Rückseite. Weil nur Geheimnis und Vergessen es erträglich machten.“

(Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“)

Dann bleibt wohl bloss: Fake it! Damit die laienhafte Naht unsichtbar werde. Schauspiel ist und bleibt die beste Lösung.

Wenn man sich bis zum Boden verbeugt, sieht man seine Füsse und vielleicht zwischen seinen eigenen Beine hindurch die Bühne auf dem Kopf.
Ich blicke auf den See. In letzter Zeit habe ich oft auf den See geblickt. Im Spital, als du tot auf dem Bett lagst – lächelnd und ich mich von dir abwandte und durchs Fenster den von dir so geliebten Zürisee sah. Ein Seebub warst du. Und letzten Freitag, am Leichenmahl, stand ich auf dem Steg, der kälter werdende Frühlingsregenwind zerzauste mein Haar und der See so unruhig wie ich. Wären da die Arme nicht gewesen, die mich hielten, ich hätte springen mögen. Heute, da die Bäume noch keine Blätter tragen, sehe ich von meinem Balkon glitzernd das Wasser durch die Äste hindurch. Letzten Samstag sass ich oberhalb des Bellevues auf einer Strassenbank und genoss das zweifelhafte Vergnügen in der Öffentlichkeit still zu weinen. Auch da sah ich den See, diesmal von der anderen Seite. Da ich jetzt all die Punkte auf einer unsichtbaren Karte markiere, die mir in letzter Zeit den Blick auf’s Wasser freigaben, kommt es mir seltsam vor, wie sehr Begleitung der Zürisee in den entscheidenden Augenblicken war.

Was nützt es, nach dem Warum zu fragen? So sind wir, wir gehen ganz und gar zu Grunde und erheben uns wieder. Oder wie Badana heute in ihrer grandiosen Schlüsse-Liste unter Punkt 4 schrieb:

„4. Mehr Sex, Kino, Schlaf, BBC Radio, Früchte, schmale Bücher, Stille, frische Luft und viel klares Wasser aus sauberen Gläsern.“

Wohlan, denn.

Auf ein erdbeer-gelassenes 2013!

Happy New Year! Auf ein omnierfolgreiches und erdbeer-gelassenes 2013!

Ich bin zurück. Und doch noch irgendwie nicht. Das war ein sehr schöner Monat auf der Insel. Abenteuer und Lebensgeister inklusive. Und dann kam der Tag, an dem die Farbe zu wechseln hatte. So Weltenwechsel fallen mir grundsätzlich schwer. Wahrscheinlich, weil ich mich mit Haut und Haar in die jeweilige Aktuelle gebe. Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein, es ist schön hier. Und dann hab ich doch ab und zu Heimweh. Ich kann’s nicht recht erklären…

Es gab da einen Moment, ich war mit meinen neu gewonnen Freunden in einem Nachtclub, da hab ich auf die Szenerie geschaut und musste innerlich lachen. Da tanzten ein Palästinenser, ein Libyer, eine ukrainische Nachtclubtänzerin und ein Türke neben mir. Es war eine seltsam interessante Gruppe. So eine, die man wohl nur im Ausland trifft, da, wo jeder auf sich selbst gestellt ist und sich nicht ins Innere seines Schneckenhauses zurückziehen kann. Eine grossartige Zeit.

Und dann Heimkommen, Weihnachten, Silvester und Shizzle.

Ach ja, drei Dinge noch:

„Ein Kuss ist eine Sache, für die man beide Hände braucht.“
(Mark Twain)

„Don’t go around saying the world owes you a living. The world owes you nothing. It was here first.“
(Mark Twain)

„I don’t give a damn for a man that can only spell a word one way.“
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