Bring Schauder mir!

Gestern waren Verdammnis-Theres und Vergebung-Dani bei mir und wir haben ein vorzügliches Hasen-Dinner genossen (trotz Abwesenheit des Hasen). Ich habe die beiden in die Gesetze von „Tat oder Wahrheit“ eingeführt und sie haben sich nicht schlecht geschlagen.
Heute morgen dann: Alles geht und dreht und wendet sich. Und wenn dabei nicht kotzen muss, hat man schon viel gewonnen.

Ich lese gerade Gedichte. (Und find es noch immer sehr verwunderlich, dass ich so gerne Gedichte lese.) Bei Brecht „Terzinen über die Liebe“ hab ich inne gehalten. „(…) Wohin, ihr? / Nirgendwohin. / Von wem entfernt? / Von allen. / Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? / Seit kurzem. / Und wann werden sie sich trennen? / Bald. / So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.“
Und dann erinnerte ich mich an das Gedicht von Veronika Suter – eine Mitschülerin – die mir genau vor einem Jahr ein Gedicht geschrieben hat. Also, sie hat nicht MIR ein Gedicht geschrieben. Sie wurde von mir und meinem tiefschwarzen Herzen zu einem Gedicht inspiriert (was für ein schönes Kompliment!). Es geht so:

Nimm die Nacht mein Lieb
die Nacht, nimm
die Glut und Himbeerrot
nimm, mein Lieb
nimm dir
die Nacht

Lieb, mein Lieb, lieb
trink mit mir Eisblau –
wein mit mir
lach mit mir
so samten mit uns
die Nacht

Bring Schauder mir
nimm mich mit
in die Nacht
mein Lieb

In die Nacht
mich, mein Lieb, nimm
mich, nimm
die Nacht

Ihr hättet hören sollen, wie sie es vorgetragen hat! Ich hatte noch Tage später Gänsehaut. Das war ein sehr schöner (sehr trauriger) Tag, damals, als Veronika mir ein Gedicht geschrieben hat.

Ich würde leben

Ich bin jedes Mal wieder fasziniert, wie sehr das Licht ändern kann. Ich finde diesen Umstand so unglaublich! Das Dasein lässt mich immer mal wieder mit offenem Mund stehen. Noch vor ein paar Wochen war alles so anders. Und heute ist alles so anders. Ich kann mir – jetzt schon – nicht mehr vorstellen, wie es war, noch vor ein paar Wochen. Das ist so seltsam! Ich verlier so ungern. Und mit „verlieren“ meine ich: Fallen. Aufgeben. Es-nicht-geschafft-haben. Ich verlier sogar ungern, wenn ich eigentlich hab verlieren wollen.

Gestern hab ich ein Zitat gelesen. Es geht so: „Denn wenn ich wüsste, dass ich sterben könnte, würde ich leben.“ (Terry Pratchett)

Nun. Nun fülle ich meine Zeit mit Farben. Ich giesse klebriges Blau in den Raum und vermische es mit giftigem Grün. Ich heisse mein Vampirherz willkommen und tanze unter einem bleichen Mond.
Nun. Nun vertreibe ich die Geister und hoffe und hoffe und hoffe, dass sie das nächste Mal – obwohl ich mir ein nächstes Mal nicht richtig vorstellen kann – weniger störrisch sind. Weniger und vielleicht auch ohnmächtiger.
2010 ist schliesslich mein Glücksjahr. Wahrscheinlich ist es ja so, dass dieser Lichtwechsel gerade grosses Glück war.

Es ist was es ist

Was mir heute nicht aus dem Sinn geht: Manchmal sind wir grösser als unsere Gefühle. Manchmal sind wir grösser als wir selbst.

Auch heute bin ich wieder Grinsekatze und auch heute habe ich wieder Zermatt gerochen. Aber hey! Heute war es kein Anfang, es war ein Ende. Und das Ende ist auch ein Anfang. Und so dreht sich das Drehspiel weiter und weiter und weiter. Und daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaann? Und dann lebte sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinning
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

(Erich Fried)

Herzflackern

Iridium-Flare

Iridium-Flare

Bei uns zu Hause findet gerade eine Party statt. Ich liege im Bett und lausche den Stimmen. Sie haben etwas beruhigendes. Sie bündeln das Chaos, geben ihm eine Form.

Ich liege also im Bett und denke über das Monatsgespräch mit Alain de Botton im Magazin nach. Alain de Botton sagt da: „Für mich bedeutet Liebe, dass man seine Freiheit, einen anderen Menschen zum Leiden zu bringen, möglichst einschränkt.“  Liebe, Freundschaft, Beziehungen jeglicher Art bedeuten wohl immer auch Verantwortung über die Schmerzen des anderen. Klingt komisch, ist aber so.
Und später im Gespräch sagt er auf die Frage, wie man weiss, wann eine Beziehung zu Ende ist: „Es ist eine klassische Illusion, dass eine Liebesbeziehung einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. In Tat und Wahrheit geht es einem doch mit den Gefühlen, die man für einen anderen Menschen hegt so: Sie beginnen, enden, flackern wieder auf, erlöschen, fangen wieder Feuer, ersticken, motten weiter — und das Ganze hundert Mal täglich. Die Liebe ist nie voll da — und sie vergeht auch nie radikal. Proust wollte seine berühmte «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» eigentlich «Die Unterbrechungen des Herzens» nennen. Dieser Titel sagt doch alles. Unser Herz stellt in Liebesdingen ständig an und ab, auch wenn wir es lieber hätten, der Schalter stünde immer nur auf «Ein» oder «Aus».“

Lange Schatten

Zahnbürsten - Mehr als nur reine Körperhygiene

Zahnbürsten - Mehr als nur reine Körperhygiene

Das Leben ist wie italienische Zahnpasta.
Das sagt Carlos Fuentes in seinem Roman „Diana oder die einsame Jägerin„. Übrigens eines meiner Lieblingsbücher. Ich finde den Ausspruch treffend. Vielleicht auch sinnlos. Aber trotzdem treffend. Wenn das Leben wie italienische Zahnpasta ist, wie ist es dann? Vielleicht süss, vielleicht rosa oder weiss, vielleicht auch grün-weiss gestreift? Und dann vielleicht frisch, scharf, brennend? Vielleicht auch reinigend, wiederkehrend und alltäglich? Oder aber vielleicht billig?

Sowieso finde ich Zahnpasta und auch Zahnbürsten ein lustiges Phänomen. Vor allem in Beziehungen. Früher hatte ich einen regelrechten Zahnbürsten-Tick. Wenn ich eine Zahnbürste bei einem Mann zu Hause im Zahnbecher stehen hatte, hat das für mich eine ernste und feste Beziehung bedeutet. Ich habe mich jeweils lange geweigert eine „eigene“ Zahnbürste dort zu haben. Ich habe meine von zu Hause mitgenommen und sie nie bei ihm gelassen. Mittlerweile hab ich’s nicht mehr so mit Symbolen. Sprich: Ich nehm alles ein bisschen leichter. Trotzdem ist es etwas spezielles, wenn ich eine Zahnbürste wo habe. Im Moment habe ich eine bei Eddie und eine bei Mr. Fox. Die eine ist grün und die andere pink. Und bei mir zu Hause – genauso wichtig – stehen sechs Zahnbürsten im Glas. Sie gehören Badana (pink), Mr. Fox (blau), Eddie (blau-grün), Häschen (grün-blau), Peter (grün) und mir (weiss).

Und wenn man dann an den Punkt kommt, wo man Abends mit versteinertem Gesicht im Bad steht und eine der Zahnbürsten durch die Finger dreht, sie lange ansieht und sie dann mit abgewandtem Blick in den Müll wirft, das Bad schnell verlässt, das Licht hastig löschend, dann ist das immer ein unglaublich trauriger Moment. Denn mit der Zahnbürste geht auch der Mensch. Mit der Zahnbürste hört ein Teil des Alltags auf. Mit der Zahnbürste verliert man ein Leben, eine Freundschaft, eine Liebe. Darum hab ich früher, wenn ich eine Beziehungskrise hatte, immer als erstes meine Zahnbürste bei ihm entfernt. Ich hab sie eingepackt und gehofft, dass diejenige, die übrig geblieben, einsam wirkt und lange Schatten gegen die Badezimmerfliesen wirft.

Nah am Sternenhimmel

Höre mir gerade den Soundtrack von Karen O an zum Film „Where the Wilde Things Are“ an. Schön! Das Bilderbuch das dem Film zu Grunde liegt „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak war als Kind eines meiner Lieblingsbücher. Der Film ist übrigens auch sehr gelungen und wirklich sehenswert. So behutsam und liebevoll!

Dieses Wochenende war ich wieder in Romoos und hab eindeutig ein paar Kafi Chriesi zu viel getrunken. Es war ein unglaublich schöner Abend in Romoos. Mir gefällt es da sehr. Wir sassen am Stammtisch im Kreuz und haben viele nette Leute kennengelernt, sehr gute Gespräche geführt und diesmal hat uns Viktor morgens um 3 Uhr zu sich nach Hause zum Rösti essen eingeladen. Ganz erstaunt war ich, als ich festgestellt habe, dass man in Romoos nachts die Sterne sieht. Ich lacht? In der Stadt ist das leider alles andere als selbstverständlich.

„Der Körper kann ohne den Geist nicht bestehen, aber der Geist bedarf nicht des Körpers.“ (Erasmus von Rotterdam)

Nothing left to loose

Meine Unschuld verlor ich zu „Me and Bobby McGee“ von Janis Joplin. Gestern hab ich das Lied mal wieder gehört und da gibt es diese Songzeile: „Freedom’s just another word for nothing left to loose.“

Es ist schon so, dass Freiheit am spürbarsten ist, wenn man alles verliert oder aber verloren hat. Beziehungsweise ist Freiheit erst ein paar Monate nach dem Verlust spürbar. Dann, wenn man auftaucht aus der Dunkelheit und verwundert feststellt: Oh, ich bin am Leben! Das Freiheitsgefühl ist dann so stark, dass man sein wildes Herz zu den Sternen aufsteigen lassen möchte. Und wenn man dann endlich wieder gewinnt und reicher wird und reicher, dann wird man plötzlich von der Angst befallen, alles wieder zu verlieren und genau das fühlt sich dann nicht wie Freiheit an. Obwohl es doch eigentlich umgekehrt sein müsste, nicht wahr?
Ansonsten macht meine Psyche auf Zirkuspferd, mein Kopf auf Flusskiesel und mein Körper auf Schallschutzmauer.

Veilchen. Oder aber: Wir alle fallen.

Ophelia

Ophelia

so:

Es mögen Veilchen
aus Ophelia’s Körper spriessen
voller Würze,
nicht dauerhaft,
lieblich,
nicht beständig;
der Duft und das Gewähren einer Minute.
(aus Hamlet)

oder aber:

Die Blätter fallen, fallen wie
von weit, als welkten in den
Himmel ferne Gärten.
Sie fallen mit verneinender
Gebärde, und in den Nächten
fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die
Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da
fällt. Und sieh dir andre an:
Es ist in allen.
Und doch ist einer, welcher
dieses Fallen unendlich sanft
in seinen Händen hält.
(Rainer Maria Rilke)

Am Fuss des Gebirgs

Heute war ich mit meinen neuen Arbeitskollegen zuerst Mittagessen, dann bowlen und schlussendlich haben wir noch gekocht und zu Abend gegessen. Wir haben viel getrunken und mein Ruf ist nach noch nicht mal zwei Wochen in der neuen Firma bereits schon am Arsch. Das ist Rekord. (Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich recht ungeniert.)

Momentan versuche ich Stieg Larsson zu lesen. Als ich Weihnachtseinräumhilfe war, hab ich die Stieg Larsson Bücher nicht mehr sehen können, weil wir die Dinger jede Nacht zu Hunderten haben einräumen müssen. Dann aber war ich dann doch neugierig und dachte mir: Warum nicht mal versuchen? Irgendwie erinnert es mich vom Ton und von der Stimmung sehr stark an Mankell. Mal schauen. Im Moment kämpfe ich noch.

„Stehn am Fuss des Gebirgs.
Und da umarmt sie ihn, weinend.“ (Rilke)

So überhaupt keine Begabung für Mitte

(„Das erste Anzeichen wirklicher Liebe ist bei einem jungen Mann Schüchternheit, bei einem jungen Mädchen Kühnheit.“ sagte einst Victor Hugo, es muss Sommer gewesen sein, er lehnte ans Fenster und blickte hinaus. Sein Gegenüber, es war wahrscheinlich eine Frau, vielleicht trug sie ein Sommerkleid, dachte wohl, dass er gar nicht schüchtern wirke und überlegte sich dann, ob er es als kühn empfand, dass sie ohne Anmeldung bei ihm aufgetaucht war. Wahrscheinlich empörte sich die Frau auch ein bisschen darüber, dass Victor ihr damit andeutete, dass er glaube, sie sei in ihn verliebt, er hingegen teile diese Gefühle nicht.)

Schon wieder ein Anfang einer Geschichte. Wer weiss, wie ich sie hätte ausgehen lassen, wenn ich sie zu Ende geschrieben hätte. Ich habe sie aber nicht zu Ende geschrieben und werde sie auch nie zu Ende schreiben. Warum? Manchmal gibt es kein „Warum“ und das ist genau der Haken an der Sache. Mittlerweile glaube ich sowieso, dass ich mich besser für Anfänge eigne – und das nicht nur bei Geschichten auf Papier. Wer wollte es nicht? Unbeschwertheit leben. Am Anfang ist alles leicht. (Obwohl ich die Tendenz habe, auch Anfänge schwer zu gestalten. Wahrscheinlich als Ausgleich zum nicht existierenden Mittelteil.) Das würde dann im obigen Geschichten-Beispiel so aussehen:

(… Wahrscheinlich empörte sich die Frau auch ein bisschen darüber, dass Victor ihr damit andeutete, dass er glaube, sie sei in ihn verliebt, er hingegen teile diese Gefühle nicht. Sie machte also einen Schritt auf ihn zu, (er schaute noch immer aus dem Fenster und sah diese plötzliche Bewegung nicht) stiess mit beiden Armen kräftig zu, die Scheibe splitterte, Victor sah sich erschrocken und ungläubig zu der Frau um, taumelte, versuchte sich festzuhalten, was ihm nicht gelang und fiel. Das Geräusch, das er machte, als sein 92 Kilogramm schwerer Körper auf dem Kopfsteinpflaster aufschlug, erinnerte die Frau an das Krachen und Knirschen eines gefällten Baumes.)

So ist das also. Ein Anfang und gleichzeitig ein Ende. Es stellt sich also die Frage: Warum anfangen, wenn ich keine Begabung für Mitte habe? Wer kauft schon ein Buch (oder lebt ein Leben), das keinen gehaltvollen Inhalt hat? Eben. Niemand.