… nur der Versuchung nicht

Es gibt ein so schönes Oscar Wilde Zitat, das so wunderbar zum heutigen Tag zu passen scheint: „Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.“

Gestern sind Vanalia und ich bis nachts um zwölf in einer Hotelbar versumpft, in der gruselige Pianomusik gespielt wurde und vier Stühle weiter an der Bar ein graumelierter Herr ein leichtes Mädchen abschleppte. Vanalia ist anfangs fast vom Barhocker gefallen, konnte sich aber gerade noch auffangen. Ich hab dem Bar-Mann Angst eingejagt und wir wurden überraschender Weise nicht zu einem Drink eingeladen.

Nachdem Vanalia in meinem Bett ausgesprochen gut geschlafen hat (ihre Worte!), erzählte sie mir, dass die Radiomoderatorin heute morgen „Nehmt euren Goldfisch an die Leine, es wird ein wunderbarer Tag!“ gesagt hat. Sind schon ein seltsames Völkchen, diese Radiomoderatoren. Obwohl Vanalia nicht weniger Energie hat nach sechs Stunden Schlaf. Es kommt mir manchmal vor, als sei sie als Kind in einen Topf Zaubertrank gefallen. Beneidenswert!

Grüsse,
Hasenherz

Eine kurze Geschichte der Biologie des fahlen Mondes im Fluss des Glücks

Bin gerade dabei ein paar Verlagsvorschauen durchzugucken, um zu sehen, was uns für neue Bücher erwarten im Herbst. Seit einiger Zeit ist es modern Bücher Titel wie „Eine kurze Geschichte vom Glück“, „Eine kurze Geschichte von fast allem“, „Eine kurze Geschichte der Zeit“, „Eine kurze Geschichte der Welt“ zu geben. Als ob man den Lesern sagen wollte: „Hey! Dies ist eine kurze Geschichte. Ist also gar nicht anstrengend! Auch für dich nicht, der du es nicht mal schaffst die Gratis-Zeitung von vorne bis hinter durchzulesen!“

Und dann gibt es noch einen anderen, sehr nervigen Trend. Der mystisch-romantische. Die Bücher heissen dann „Die alltägliche Physik des Unglücks“, „Das Leuchten der Stille“, „Das Echo der Schuld“, „Die Verwundbarkeit des Seins“, „Der Schatten des Windes“, „Der Fluss des verlorenen Mondes“, „Konturen des Unglücks und eine schöne Geschichte“. Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ hat es vorgemacht. Und dieser Titel ist Hammer. Alles, was danach kam, nur ein Abklatsch. Der hilflose Versuch den Lesern zu verstehen zu geben, dass sie keine Ahnung haben worum es geht. Wenn sie sich aber ganz fest bemühen, dann würden sie vielleicht in den erlauchten Kreis aufgenommen werden.
Nicht, dass ihr mich falsch versteht. Die Texte hinter den Titeln sind teilweise echt gut. Warum aber müssen die nur so dämlich heissen?

Kopfschüttelnd,
Hasenherz

Ruhig Blut

Es ist ausserordentlich schwer von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität zurückzukehren. Als ich noch in der Zweidimensionalität festsass, war mir nicht klar, wie es sein könnte. Jetzt da ich versuche in diese zurückzukehren, stolpere ich, falle, raffe mich wieder auf, falle erneut und wische mir das Blut von der Nase. Und muss meinen Fluchtimpuls unterdrücken. Immer mit der Ruhe. Ruhig Blut.

Xanten fragt: „Gehst Du behutsam mit Dir um? Magst Du den Ausdruck Deines Gesichts, wenn Du Dich im Spiegel siehst?“ Uiuiui. Was für Fragen. Und das an einem rastlosen Freitag kurz vor dem Züri Fäscht. Kurz bevor ich in der Menge am Seeufer untergehen werde.

Habe heute morgen „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ zu Ende gelesen. Und da musste ich sogar weinen. Schöne Geschichte!

Feiert gut heute Abend!
Hasenherz

Radwechsel

Heute ist es Zeit für Brecht:
„Ich sitze am Strassenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?“
Na? Fühlt ihrs auch?

Gestern hat mich der Schöne auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht. Ein Artikel über Extremsituationen. Lohnt sich zu lesen:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/special/921/43878/index.html/wissen/artikel/578/119434/article.html

Grüsse!
Hasenherz

Schlimmer als bei Bukowski

Oh, mein Gott, bin ich müde heute. Es ist zum verzweifeln. Gestern abend waren die Tschiks bei Angi-Peter eingeladen. Die Biondas haben mal wieder wunderbar gekocht und Sepp hat tonnenweise Wein angeschleppt. Dementsprechend fühl ich mich heute. Die Tschiks sind manchmal herrlich lustig. Da geht es schlimmer zu und her als bei Bukowski. Details werden aber keine verraten.

Heute morgen im Zug hab ich mit Mühe und Not die Augen offen halten können. Lesen tu ich gerade ein ungewöhnlich leichtes, stimmiges Buch. „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“
http://www.buch.ch/shop/bch_start_startseite/typhoonartikel/ID14571851.html;jsessionid=fdc-ej2tl0uo6b2.fdc61

Kater-Grüsse,
Hasenherz

Staniolpapier und italienische Zahnpasta

Jetzt, da ich weiss, wie man einen Golfschläger hält, bin ich beruhigt und kann mein Leben getrost weiterleben. Heute fühle ich mich etwas zerkaut, da ich wenig geschlafen und gestern wohl zu viel Alkohol getrunken habe. Zudem bin ich heute von Münster zurückgeflogen und ich musste viel zu früh aufstehen. War mit Vanalia und Biene im Brockenhaus und bin mit geschlossenen Augen die Bücherreihen entlanggegangen, den Finger über die Buchrücken ziehend.  Jetzt bin ich – Zufall sei Dank – stolze Besitzerin von Erich Kästners „Die kleine Freiheit“ und Graham Greenes „Die Kraft und die Herrlichkeit“.

Letzte Woche war ich zum zweiten Mal im Beyeler Museum in der Edward Munch Ausstellung. Leider ist Munch kein Kubist und darum musste ich zum zweiten Mal feststellen, dass es schönere und klügere Gemälde gibt. Ja, ja, ganz bestimmt.

Ausserdem wurde mir vor kurzem gesagt, dass die Zeit mit mir war, als ob man das Meer betrachtet und plötzlich feststellt, dass es aussieht wie Staniolpapier. (Natürlich wurde das viel schöner gesagt, sogar als Zitat verpackt und ich mag Menschen sehr, die zitieren, das finde ich wirklich schön.) Da ich aber das Pech hatte, dass mal wieder das Grausame und das Schöne aufeinander traf, kam es mir vor, als hätte ich die Haut über meinem Herzen gerade noch rechtzeitig desinfiziert, da ich wusste, dass das Messer genau dahin treffen würde. Als es dann in meinem Körper steckte, war ich nicht mal überrascht.

Manchmal würde ich wirklich gerne aufhören zu essen und zu schlafen. Um mich aufzulösen, um kein schielendes Gegenüber mehr zu haben.
Vielleicht sollte ich jetzt auch einfach den Computer ausschalten und der Waschmaschine beim Drehen zuschauen. Das wär auch ne Lösung.

Grüsse euch!
Hasenherz

PS: In meinem Lieblingsbuch gibt es übrigens ne sehr schöne Stelle. Etwa so, nur viel schöner: „Das Leben ist wie italienische Zahnpasta.“ Vielleicht sogar besser als Staniolpapier, nicht wahr?

Ausbreitung von Einsamkeit

Müder Montag. Es regnet. Glücklich macht: Wurmbrand hat Geburtstag und wir feiern das mit Wurst und Bier im Regen stehend. Xanten sagt: „Das alles war gut und bewegt und manchmal melodramatisch trist. Und manchmal habe ich auch der Einsamkeit bei ihrer Ausbreitung zugesehen.“

Lese gerade „Die Hügel“ von Yvette Z’Graggen.
http://www.buch.ch/shop/bch_start_startseite/schnellsuche/any/?fq=3-85787-348-5&fc=ANY&submit.x=0&submit.y=0&submit=schnellsuche

Erster Satz: „Es ist kaum richtig hell, als ich im Hotelzimmer erwache neben dir, der du noch schläfst.“ Ein Buch für Vanalia und mich, denn es geht um den eigenen unsteten, nervösen, unzuverlässigen Geist.

Letzte Woche war ich in Münster und habe ins eiskalte Gesicht der Schönheit geblickt. Meine Grossmutter ist gestern 89 Jahre alt geworden und wir haben das mit Erdbeeren und Rotwein gefeiert. Und zum Schluss: Ich geh jetzt Zigaretten holen.

Schönen Montag!
Hase

Langi Ohre

Halli-Hallo! Ja, ich weiss, liebste Vanalia, ich bin etwas im Rückstand… Hier kommen die News von der buch.ch-Front: Heute ist ein Autor vorbeigekommen, der lustige Kinderlieder auf CDs singt. Die neuste CD gefällt mir besonders gut (ratet mal warum):

Langi Ohre

Dann war ich in einem Outdoor-Seminar in der Lüneburger Heide. Das war lustig. Habe Bäume gefällt, Daumenmuskelkater vom Sägen bekommen und Brot gebacken. (Eine Angina hat mich auch noch erwischt, doch davon erzähl ich euch jetzt nichts, da hab ich euch die Ohren schon genügend vollgeheult…)

Lese gerade ein wunderbares (wunder-, wunder-, wunderbar!) Kurzgeschichtenbuch von Robert Bolaño:
http://www.buch.ch/shop/bch_start_startseite/typhoonartikel/ID13835826.html;jsessionid=fdc-2daekpcq3n1.fdc61

Und das Cover finde ich auch schön. Gefällt mir also alles an dem Ding. Haha!

Ach, Leute, mir gehts gut. Hab viel zu tun, doch mir gehts gut. Wie gehts euch denn?

Herzlich,
Hasenherz

PS: „Der Himmel war heute wieder so temparamentvoll. Kaum riss er auf, dachte man, auch der Himmel hat einen Himmel. Er gibt einem ein, solchen Quatsch zu denken.“

Er kann nicht schlafen!

Heute morgen in der S-Bahn: Ein älterer Herr wankt in mein Abteil, sieht ziemlich ausgemergelt aus, nicht krank, nur sehr dünn, hat ein altes, weisses T-Shirt an und kurze Hosen. Bei sich trägt er eine grosse Jutetasche, gefüllt mit Zeitungen. Murmelnd breitet er sich auf der Bank gegenüber aus. Steht dann auf, nimmt seine Jutetasche und geht nach vorne zur Zeitungsabfallbox. Er räumt fein säuberlich alle Zeitungen aus der Jutetasche in die Box. Nachdem er fertig ist, hat keine einzige Zeitung – nicht mal die klitzekleinste Pendlerzeitung – mehr platz. Ich denke mir: Tolle Art sein Altpapier zu entsorgen! Muss ich mir merken!
Der Herr kommt zurück, packt eine Flasche Bier (eine grosse) aus und trinkt, als gäbe es kein Morgen. Innerhalb von fünf Minuten ist die Flasche leer und wir kommen an der nächsten Station an. Promt steigt der Herr aus.
Ist es nicht schön zu pendeln! Man begegnet doch immer wieder netten Artgenossen!

Habe jetzt immer Ohrstöpsel dabei, damit ich all die telefonierenden Tschicks ausblenden kann. Gestern: „Nein, im Fall ohne Scheiss! Er kann nicht mehr zwischen Tag und Nacht unterscheiden! In der Nacht kann er nicht schlafen!“ Tja. Mit Ohrstöpsel wärs anders gewesen. Nämlich so: „—————“ Himmlisch ruhig.

Herzlich,
Hasenherz

Loblied auf den absurden und mystischen Edward Gorey

Edward Gorey (mein Lieblingsillustrator) sagte einmal: „Mein einziges Motto lautet: Verlass das Haus nie ohne ein Buch.“ Sein Motto ist auch mein Motto und so steige ich jeden Tag in die S-Bahn ein – in der Tasche ein Buch. Momentan gerade: „Superhero“ von Anthony McCarten.
http://www.buch.ch/shop/bch_buc_startseite/suchartikel/superhero/anthony_mccarten/ISBN3-257-06575-2/ID14235078.html?jumpId=216058

Ein Roman, drehbuchartig geschrieben, voller Komik und eigenwilliger Bilder. Echt cool.

Apropos Edward Gorey: Im November dieses Jahres wird beim Diogenes Verlag endlich (endlich!) wieder ein Buch von Gorey erscheinen. Nämlich „The Lugubrious Library“. Zehn Bände im Schuber. Darauf freue ich mich kolossal. Denn es gibt niemanden, der Edward das Wasser reichen könnte. Darum: Gehet hin (dann im November) und kauft das Ding, es ist jeden Franken wert (86.00 Fr.). Am Besten aber, bestellt ihr es jetzt schon – hier der Link:
http://www.buch.ch/shop/bch_buc_startseite/suchartikel/the_lugubrious_library/edward_gorey/ISBN3-257-02091-0/ID14571862.html?jumpId=218008

Vanity Fair, New York sagt: „Dark masterpieces of surreal morality.“

Goreyesque Grüsse,
Hasenherz