Und sie dreht sich doch!

Was für eine verrückte Zeit! So verrückt, dass mein Herz zu zerspringen droht und die Scherben, die sich über den Schlafzimmerboden verteilen eine Gefahr für die Umwelt darstellen. Mir wurde ein Messer in den Rücken gerammt – im Schlaf. Und was viel wichtiger ist: Mir wurde das Leben gerettet. Das Leben wurde mir von so unerwarteter Seite gerettet, dass ich darüber nur Staunen kann. Ich mag böse sein und unzulänglich, ja. Aber es gibt noch immer Menschen und Dinge und Dinge in Menschen, die mich weich machen können. Weich und zugänglich und liebenswert. Nicht, dass ich per se liebenswert wäre. Dann aber wirken diese Kräfte auf mich ein. Mein Hirn verschwimmt, meine Gedanken verschwinden im Nebel und ich bin klar. So glasklar, dass sich die Scherben, die sich über den Boden verteilten in Luft auflösen. Nein. Es ist nicht gut, wie wahr. Aber ich liebe dich dafür. Danke!

Tausend mal berührt

„Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.“ (Christian Morgenstern)

Manchmal bin ich ein Autist. Oder ich fühle mich zumindest so. Es fällt mir enorm schwer, gewisse Dinge nachzuvollziehen oder zu verstehen. Ich komme gar nicht erst darauf. Ich glaube, im Grunde bin ich tief in meiner Seele wenig phantasievoll. Gewisse Ränkespiele verstehe ich einfach nicht. Mir kommt gar nicht in den Sinn, dass jemand unehrlich handeln könnte. In seelischen Dingen bin ich wohl wirklich wie ein Buchhalter. Es gibt das was ist und das was nicht ist. Und ich verstehe nicht, wie manche Menschen diese Offensichtlichkeiten verleugnen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, komme ich zum Schluss, dass es bei mir wohl ähnlich ist wie bei einem Spezialisten. Ich habe eine gewisse Fertigkeit, was das Verstehen von Menschen betrifft. Ich begreife ziemlich schnell. Wahrscheinlich ignoriere ich über weite Strecken, dass diese Fertigkeit nicht alle haben. Wenn dann also jemand sagt: „Maria sagt sicher hässliche Sachen über mich.“, dann schüttle ich denk Kopf und sage: „Warum sollte sie?“. Natürlich, die Wahrscheinlichkeit, dass Maria hässliche Sachen sagt, liegt im Bereich des Möglichen. Ich glaube jedoch, dass man oft viel zu viel in andere hineininterpretiert. Oder aber jemand sagt: „Ich kann das nicht tun, weisst du, ich habe ein Versprechen einzuhalten.“, dann schüttle ich den Kopf und sage: „Aber du tust es bereits. Du lebst es bereits, warum sagst du also, dass du es nicht tun kannst, wenn du es bereits schon seit geraumer Zeit tust?“.

Ich verstehe ja, dass man andere manchmal belügt, um sich nicht zu sehr angreifbar zu machen oder um nicht zu sehr Schmerzen zu verursachen. Aber sich selbst belügen? Das macht doch gar keinen Sinn. Und versteh mich nicht falsch: Nicht, dass ich mich nicht auch selbst belügen würde. Oder aber: Über viele Dinge denke ich nicht nach. Wenn mich dann jemand fragt, bin ich erstaunt, dass ich noch nicht darüber nachgedacht habe. Aber immerhin habe ich keine Mühe damit, Dinge – wenn sie mir denn klar sind – zuzugeben. Ja, stimmt, ich bin extrem inkonsequent. Ja, ich bin teilweise in drei Personen gleichzeitig verliebt und liebe trotzdem niemanden. Ja, klar, ich habe eine ausschweifende Sexualität und handkehrum dann wieder überhaupt gar keine. Du hast ganz Recht, ich bin manipulativ und darin dann doch wieder bodenlos ehrlich. Geheimnisse? Hab ich wenig. (Nur solche, die die Geheimnisse anderer sind.)

Ich verstehe plötzliche Gesichtswechsel nicht. Ich fürchte mich sogar davor. Und ich verstehe launische Menschen nicht. Da habe ich immer Angst, etwas falsch zu machen. Es ist für mich, als wäre ich blind und müsste durch einen Raum voll von Eiern gehen, die ich nicht kaputt machen darf – ich bin darin gänzlich hilflos.

Meine Knie liegen blank.

Haare zum Himmel. Düsenmotoren im Bauch.

Haare zum Himmel. Düsenmotoren im Bauch.

Häschen hatte ein schwieriges Wochenende. So wie ich auch. Wir haben also unser Wochenende in unserer Küche verbraucht. Rauchend, trinkend und irgendwie erschlagen. Ich hab – als ich mal die Strasse zu unserem Haus entlangegangen bin – gedacht: Schweren Herzens. Es gibt sie doch immer mal wieder, die Literatur-Sätze. Wo man beim lesen denkt: Das sind halt einfach so Bilder. Und irgendwann erinnert man sich an die Stätze und weiss: Genau so fühlt sich das an.

  • Schweren Herzens
  • Nerven, die blank liegen
  • Weiche Knie
  • Schmetterlinge im Bauch
  • Kalt den Rücken herunterlaufen
  • Siedendheiss einfallen
  • Alle Haare zu Berge stehen

Beim Schreiben versucht man immer andere Bilder zu finden für diese Dinge. Weil diese Bilder sehr platt sind. Natürlich unglaublich treffend. Aber auch platt. Wenn man zu sehr versucht andere Bilder zu finden, geht das manchmal daneben. Dann wirkt es aufgesetzt und doof. Ja! Lasst uns spielen!

  • … Ihr Herz fühlte sich tonnenschwer, ja so an, als ob sie ein Lastkran in ihrer Brust tragen würde…
  • … Seine Nerven waren wie blossgelegte Kabel auf regennassem Boden. …
  • … Meine Knie fühlten sich an wie eine durchgelegene Matratze in einer Absteige. Ich traute mich nicht einen Schritt zu tun, weil ich Angst hatte, meine Beine würden mein Gewicht nicht halten. …
  • … Ihm war seit Tagen irgendwie schlecht. Und dann wurde ihm klar, dass es sich nicht um eine Magenverstimmung handelte, sondern um akute Verliebtheit. In seinem Bauch hatten sich ein Gefühl eingenistet, dass er so nicht kannte. …
  • … Ihr war, als ob Kinder bald auf ihrem Rücken Schlittschuh laufen konnten. Es fühlte sich an, wie ein Natursee, der im Zeitraffer einfriert. …
  • … Dein Kopf wird rot und du fasst dir an die Stirn. Du sagst: Scheisse. Und dann: Ich glaube, ich habe Fieber. …

So. Fertig gespielt.

Diese Woche werde ich auch noch durchstehen. Komme was wolle. Alles hat seine Zeit. Alles wird gut. Immer schön einen Fuss vor den anderen. (Um gebetsmühlenartig Plattitüden aneinander zu reihen.)

Zu rasch, um anzuhalten

(Model Larissa Bergmann als koksende Alice im Wunderland)

(Model Larissa Bergmann als koksende Alice im Wunderland)

Heute wurde ich von einem Arbeitskollegen gefragt, ob ich kokse. Ganz ernsthaft. Er hat das gefragt, weil ich viel unterwegs bin und wenig schlafe und rumhüpfe und selten stillsitze und manchmal so Quasselanfälle habe. Die Frage hat mich erstaunt. Natürlich, jetzt, wo ich darüber nachdenke, verstehe ich die Gründe, wie er darauf kam, sehr gut. Aber mein Bild von mir selbst ist so unglaublich weit entfernt von Koks, dass ich nie im Leben darauf gekommen wäre. Ich habe ein Bisschen lachen müssen und dann hab ich begonnen darüber nachzudenken. Ein Freund von mir hat mal gesagt: „Weisst du, du brauchst keine Drogen, du hast das alles schon in dir.“ Und ja, es stimmt irgendwie. Ich habe keine – oder nur wenig – Hemmungen, manchmal bin ich mutig, ich traue mich so einiges und lache viel. Und manchmal wirkt das wohl auch etwas zu aufgedreht, etwas zu schnell, etwas zu verdreht.

Heute habe ich ne Mail von Zitat bekommen, in der er sagt, dass er mich vermisst, aber keine Tränen über Vergangenes vergiessen will. Er sprach mich in dieser Mail mit „Vampini“ an – ein Spitzname von mir. Ich schrieb ihm zurück – frei nach Churchill:

„Vampini ist zu weit vorwärts gegangen, um sich zurückzuwenden und bewegt sich zu rasch, um anzuhalten.“

Conversation

Bei uns in der WG gibt es ein eigentümliches Phänomen. Wir lieben es, alle zusammen in der Küche zu sitzen oder auf dem Balkon oder im Wohnzimmer und uns einen Schlagabtausch via Facebook zu liefern. Das heisst, wir sitzen nebeneinander und lachen uns kringelig über die Kommentare der anderen. Gestern war so ein Abend. Wir haben den Eurovision-Trash geschaut und das Ganze auf Facebook live kommentiert. Da haben sich dann natürlich auch noch weitere Freunde eingeschaltet und teilweise haben wir Tränen gelacht. Das war ein ausserordentlich lustiger Abend. Das witzige ist, dass ich – am Anfang des Abends – zu Häschen sagte, dass dies so ein typischer Abend sei, einer wie viele, den wir in spätestens zwei Wochen vergessen haben. So im Stil von: „Hm. Was hab ich vorletzten Dienstag gemacht? Hmmmm… Phu. Keine Ahnung. Ich glaub, nix spezielles.“ So gesehen – habe ich weiter zu Häschen gesagt – können wir die Sau rauslassen, denn in zwei Wochen würden wir uns ja sowieso nicht mehr dran erinnern.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus der Konversation:
Konversation

Piratensommer ahoi!

where the wild things are

where the wild things are

Badana und ich haben vor ein paar Monaten – wir sassen bei einem Glas Wein im Les Halles, draussen war es nass und kalt – ein Bild für den Sommer entworfen. Und das ging so:

Wir sitzen auf einem gemalten Segelboot, die Wellen sind blau und tragen kleine Schaumkronen aus Staniolpapier. Es raschelt, wie das Wasser in diesen alten Animationsfilmen immer raschelt und die Sonne scheint. Wir segeln also so dahin und sind glücklich. Irgendwann sehen wir Land am Horizont, eine grüne Insel, die uns Willkommen heisst.

Bald darauf haben wir den Sommer zum Piratensommer erklärt und uns unsere Schiffsmannschaft mit einigen Piratessen und dem einen oder anderen Schiffsjungen zusammengestellt.

Ein paar Wochen später, wurden wir gefragt, ob wir Lust hätten diesen Sommer segeln zu gehen. Wir haben uns stumm angesehen, gegrinst und gleichzeitig „Ja!“ gesagt. Nun werden wir also bald die Gewässer von Südfrankreich unsicher machen, Schuhe mit weissen Sohlen tragen und den Sundowner geniessen.

Man sollte immer vorsichtig sein mit seinen Wünschen. Manchmal aber, da werden die Wunschbilder auf eine überraschende, leichte Art wahr, man könnte laut darüber lachen. Piratensommer ahoi!

Spanische Inquisition

Da strauchle ich an einem gewöhnlichen Mittwochabend durch Solothurn, die Häuser wie gemalt, der Mond eine magische Sichel und in einer Kirche probt ein Chor Weihnachtslieder. Da fließt der Fluss, wie er wohl auch an einem Samstag fliesst. Da erwarte ich die Sonnenseite des Lebens und was ich bekomme, ist die spanische Inquisition. Das ist gut, denke ich und blinzle zweimal. Da trinke ich mit Hotelkindern Wein und atme tief. Zum Schluss fahren Güterzüge wie bei Jarmusch und eine Zeitung raschelt vergessen im Schmutz des Gleistrasses.
Hör auf zu jagen, Herz, steh still!

Hasenherz braucht Schlaf

Hasenherz braucht Schlaf. Mehr denn je. Hasenherz hat die Müdigkeit in den Knochen. Hasenherz träumt vom kühlen Wald. Hasenherz findet sich zwischen schlafen und wachen wieder. Hasenherz braucht Schlaf.

„Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“ (Kant)

Oder aber:

„Auch Schlafen ist eine Form der Kritik, vor allem im Theater.“ (George Bernard Shaw)

Und da mein Leben einem Theater gleicht – ziemlich sogar – ist diese Müdigkeit eine Form der Kritik. Mein Körper kritisiert sozusagen mein selbst gemachtes Lebenstheater. Und da ich ausgesprochen oft lache und auch mit der Fähigkeit zur Hoffnung gesegnet bin, fehlt mir zum Glück nur noch ein paar Stunden süsse Ruhe. Man könnte sagen: „Dann schlaf!“ Leider ist das nicht so einfach. Ich bin einfach viel zu gerne wach. Ich mag es, wenn ich zum Beispiel spät abends Häschen in der Küche antreffe. Und Häschen dann rumhüpft und kichert und sich Nudeln mit Spiegeleiern kocht. Da kann ich nicht schlafen. Diesem Schauspiel muss ich einfach beiwohnen. Oder aber wenn jemand kommt und sagt: „Komm, lass uns Bier trinken gehen. Es ist Frühling!“ Da kann ich nicht nein sagen. Denn ich mag es, spontan Bier trinken zu gehen und ich mag den Frühling.

Und so werde ich wohl noch in einem Monat sagen: Hasenherz braucht Schlaf. Mehr denn je. Oder wie sagt Homer in dem Buch, das ich gerade lese? (Übrigens ein sehr lesenswertes Buch, gefällt mir sehr.) Folgendes: „Ich sah, dass es keine Zukunft gab, jedenfalls keine, die sich von der Vergangenheit unterschieden hätte.“

Ein Frosch springt hinein

Haiku (jap. 俳句, dt. lustiger Vers; Plural: Haiku; laut Duden möglich, aber in „deutschsprachigen Haiku-Kreisen“ meist abgelehnt: Haikus) ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Sie gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt.

Das sagt Wikipedia über Haikus. Im Buch „Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon„ beschreibt eben diese Hofdame, dass es üblich sei, sich nach einem Treffen mit einem Mann per Bote ein Haiku zukommen zu lassen. Und es gäbe nichts peinlicheres, wenn man dies unterlasse oder den Boten zu spät losschicke, dann, wenn der Bote des Anderen schon bei einem eingetroffen sei. Wenn einem das Treffen nicht so sehr oder nicht gefallen habe, schicke man einen unverfänglichen Haiku über die Jahreszeiten oder Landschaften.
Nun ist es so, dass ich das sehr vergleichbar finde, mit unserer SMS-Kultur. Nach einem Date oder Treffen sende ich eine SMS, in der ich mich bedanke. Möchte ich das Treffen nicht unbedingt wiederholen, fällt meine Nachricht zurückhaltend aus. Es kommt aber unter gar keinen Umständen in Frage keine Nachricht zu schicken. Das wäre unhöflich. Ich mag Unhöflichkeit gar nicht.

Sitze gerade mit Häschen in der Küche, rede mit ihr über das Buch, das ich gerade gelesen habe („Zum König!“ von Magnus Mills – grossartig!), wir trinken rauchigen Whisky, hören last.fm-Radio und müssten beide eigentlich längst im Bett sein.

Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.

Kostbare Augenblicke, Aufbruch und Zeit

„oh, you haunt me with your violent heartbeat at night…“ (The Cardigans)

Heute war ich mit Badana im Exil an einem Konzert von Los Dos und Thomas Ott. Es war seltsam. Ich mag den Raucherraum im Exil. Er hat so was Heimatliches. Ansonsten hat mich die Stimmung, der Geruch, die Menschen stark an meine Zeit in besetzten Häusern erinnert. Ich hab darüber nachgedacht, wie es damals war, als ich mit 18 von zu Hause ausgezogen bin. Wir wohnten in einem ehemaligen Bordell gleich beim Helvetiaplatz in Zürich und es roch immer ein Bisschen nach Aufbruch.

Als ich mit Schweinegrippe im Bett lag – es war Wochenende und ich verbrachte es in einem diffusen Dämmerzustand – erhielt ich Nachrichten von Menschen, die mich nach Spontanität und Leichtigkeit fragten. Wenn man Single ist, so wie ich, hat man diese losen Kontakte zu Männern. Diese Kontakte, die immer wieder sterben und versiegen und dann zufällig wieder aufflammen. Man verbringt dann verrückte Nächte mit einem fremden Menschen, zu dem man dann in den wenigen Stunden Nähe aufbaut, es fühlt sich für einen Augenblick an wie Ewigkeit. Ich mag diese Kontakte und ich mag diese Nächte. Die Welt ist dann vertrauter. Ich hätte also nach Bern reisen können. Oder nach Luzern. Ich hätte tanzen können, lachen, küssen, leben. Das seltsame an dieser Tatsache ist, dass ich nicht traurig darüber bin, es nicht habe tun können. Die Möglichkeit alleine reichte völlig.

Letztes Wochenende, ich war noch etwas zittrig, habe ich nach über einem Jahr mal wieder Tom getroffen. Ich mag Tom. Ich liebe Tom. Mit ihm zu reden ist Balsam für den Geist und die Seele. Tom ist Heimat. Ich kann mich zu ihm an einen Tisch setzen und es ist, als wäre keine Zeit vergangen. Ich mag Tom für seine Ernsthaftigkeit, für seine Genauigkeit, für seine Trockenheit, für seine Heiterkeit, für seine Sentimentalität, für seine Nähe. Und als ich ihn dann verlassen musste, hoffte ich sehr, dass bis zum nächsten Treffen kein Jahr mehr vergehen möge. So ist das mit der Zeit – sie vergeht unmerklich.