Home Sweet Home

Wegweiser

Wegweiser

Wenn man tagelang zu Hause rumliegt und nichts tun kann, weil man sich mit ner schnöden Schweinegrippe rumplagen muss und man dann und wann durch seine Wohnung tigert, fällt einem auf, was  zu Hause schön ist. Mir fiel also auf, dass unsere WG vielel kleine Details hat, Dinge, die unsere Wohnung noch schöner und wohnlicher machen, als sie sowieso schon ist. Ich liebe meine WG. Natürlich in erster Linie wegen meinen grandiosen Mitbewohnerinnen, die mich diese Tage echt gerettet haben. Sie haben mich mit Bildern (Klatschheftli), Essen und Medikamenten versorgt. Und ihre Gesellschaft war gold wert, ich wär sonst echt durchgedreht. Unsere WG ist aber auch toll, weil sie sich durch ein paar Besonderheiten auszeichnet. Folgende:

  • Playboy als WC-Lektüre.
  • Es ist immer genügend Wein, Bier, Prosecco vorhanden und sogar kalt gestellt. (Mal ganz zu schweigen von der Bar, die echt gut und auch etwas … wie soll ich sagen … seltsam bestückt ist.)
  • Viele, viele Bücher. Bücher bis unter die Decke (unsere Räume sind vier Meter hoch).
  • Der Geruch – unsere Wohnung riecht einfach gut.
  • Der Parkett.
  • Die vielen Bilder, Details, Erinnerungen.
  • Es gibt Dinge, die stellt jemand hin und niemand räumt sie weg. So steht zum Beispiel eine Flasche Kirsch seit Silvester vor zwei Jahren auf einem Fensterbrett.
  • An jeder Tür- und Schrankklinke hängt ein Geschenkbändeli.
  • Die Lage – unsere Wohnung ist mitten in Zürich und doch unglaublich ruhig.
  • Die Grösse – alle können zu Hause sein und unter Umständen bekommt man das gar nicht mit.
  • Unsere Weihnachtsdeko an der Eingangstür – ein echtes Schmuckstück.
  • Die Uhren: Alle Uhren in der Wohnung gehen exakt 12 Minuten vor.

Und weil ich gerade nicht gut im Schreiben bin (mir verwischen immer die Buchstaben, ich kann noch nicht richtig gucken), werde ich Bilder sprechen lassen.

WC-Spiegel: Mögen Sie diese Frau?

WC-Spiegel: Mögen Sie diese Frau?

Das Leben selbst, dachte ich, hat nur dann seinen Glanz, wenn man es gefährlich lebt

Das Leben selbst, dachte ich, hat nur dann seinen Glanz, wenn man es gefährlich lebt

Auf grösseres Glück!

Auf grösseres Glück!

Zahnlose Fiona

Zahnlose Fiona

Audrey mit Fee

Audrey mit Fee

Der einzig vernünftige Mensch

Jeden Morgen, wenn ich am Bahnhof Stadelhofen mit meinem Kaffee in der Hand auf dem Perron der Dinge (oder der S-Bahn) harre, die da kommen, sieht mir Picasso in die Augen. Da hängt ein überdimensionales Plakat, das für die Ausstellung im Kunsthaus Zürich wirbt. Ich stehe also da und starre Picasso an. Interessante Augen, denke ich. Oder: Schöner Mund. Oder aber: Wie er wohl geküsst hat? Oder dann und wann: Irgendwie hat er Wurstfinger.
So denke ich und friere mir den Arsch ab.

Ich dachte immer, dass die Weihnachtszeit – ausserhalb des Buchhandels – sehr gemütlich sein muss und geruhsam. Jetzt, das erste Jahr nach längerer Zeit, wo ich nicht mehr im Buchhandel arbeite, muss ich erkennen, dass dem nicht so ist. In keinster Weise. Ich habe im Moment einen verdammten (pardon) Stress. Ich komme zu nix, halte derweil den Atem an und frage mich, wo die blöden, verdammten (pardon) Stunden geblieben sind. Doch zwischen dem Stress gibt es zum Glück immer mal wieder die schönen (stressbefreiten) Abende, wo man sich wohl fühlt und kurz mal so ein seltsames Vorweihnachtsgefühl in sich aufsteigen spürt. Gestern Abend war so ein Abend und der rauchige Whisky, den wir getrunken haben, war wirklich seeeeeeeeeeeeeeeeehr fein.

Heute haben wir im Geschäft Weihnachts-Event. Mit Besuch im Technorama und gutem Essen am Abend. Ich freu mich drauf. Ich kann mir aber denken, dass es mir morgen wohl nicht besonders gut gehen wird. Zu wenig Schlaf! Mein Kopf, mein Kopf!

PS: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Mass, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Massstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“ (George Bernard Shaw)

Es müsste Selbstverteidigungskurse dagegen geben

Ich, gestern um 14 Uhr

Ich, gestern um 14 Uhr

Ich lese gerade ein Buch. „Alberta empfängt einen Liebhaber“ von Birgit Vanderbeke. Es ist ein wahres Vergnügen dieses Buch zu lesen. Ihre Sprache ist genial und ihr Ton verspielt und säuerlich und so, dass man ins Lächeln gerät und fast nicht mehr davon wegkommt. Sie schreibt so Sachen wie: „Der Himmel war ungefähr blau.“ oder „Es war ein Moment von dem einem die Seele gerinnt.

Und dann gibt es diese Stelle über die Liebe, die ich sehr mag (und ich mag die Stelle, weil sie etwas in mir anrührt, weil ich mich und meine eigene spärliche Wirklichkeit darin wiedererkenne): „Es gibt Lehrgänge und Kurse gegen jeden Quatsch auf der Welt, ich kann Paläographie, Crêpes Suzette und Buchhaltung lernen, Fahrstunden nehmen und mir alle mögliche Software vorwärts und rückwärts beibringen, ich kann Halogenschweissgeräte bedienen und flexen und faxen, Rosen pflanzen, nur mit der Liebe kenne ich mich nicht aus. Mit der Liebe kennt sich in Wirklichkeit keiner aus, obwohl es jeder behauptet und mindestens drei oder vier Theorien dazu hersagen kann. Aber wenn es ernst wird, merkt man sofort, dass die Theorien nichts taugen, weil ausgerechnet der eigene Fall nicht darin vorkommt, sondern immer nur schlichte Modelle, und die eigenen Fälle sind nicht schlicht, sondern einmalig und kompliziert; einmalig besonders auch in ihrer Unergründlichkeit, Undurchsichtigkeit, ihrer einmaligen Unverständlichkeit, Unübersetzbarkeit und der besonderen Grausamkeit, mit der sich diese einmalige Sache unausweichlich erst ernst und bedrohlich entwickelt, um einen dann mit galoppierender Geschwindigkeit aus der Kurve und in die grässlichsten Gruben und Abgründe zu tragen. Es müsste, dachte ich, Selbstverteidigungskurse dagegen geben.

Wenn man sich – so wie ich – mit erheblicher Geschwindigkeit zwischen den Welten bewegt und dabei auch noch Fieber hat und wenn man – so wie ich – alles wie ein trockener Schwamm aufsaugt und verdaut und dann wieder ausspuckt, mitsamt allen Nährstoffen und schlussendlich nichts wirklich aufnehmen kann, dann kann es schon passieren, dass man von „Unfassbarkeit“ spricht, weil man es nicht wirklich fassen kann. Um ein Beispiel zu machen: Gestern um 14 Uhr war ich Chuck Bass aus Gossip Girl und später um 17 Uhr Florentino Ariza aus „Die Liebe in Zeiten der Cholera“.

„I lost all contact with my only saviour“  (The Who)

Nun also. Herbst.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit

Die Blätter fallen, fallen wie von weit

Septembertag
(Christian Morgenstern)
Dies ist des Herbstes leidvoll süsse Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.
Dies ist des Herbstes leidvoll süsse Klarheit.

Nun also. Herbst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich schon einfinden mag. Ein paar Monate Sommer noch. Ein Bisschen Wärme. Ein Bisschen Helligkeit. Nun also. Herbst. Ab und zu, in diesen kleinen Zwischenmomenten, wenn ich an der Bahnhofstrasse unterwegs – zum Beispiel – oder morgens um 7 aus der S-Bahn steige, rieche ich den Herbst und bin glücklich. So wie es glücklich macht den Frühling zu riechen, macht es auch glücklich den Herbst zu riechen. Vielleicht ist es die Veränderung, die glücklich macht. Herbst riecht nach Rauch, nach Feuer, nach Nässe, nach Moos, nach Beton.

Ade, ihr Sommertage,
Wie seid ihr so schnell enteilt,
Gar mancherlei Lust und Plage
Habt ihr uns zugeteilt.
(Wilhelm Busch)

Das war er also, der Sommer. Nun also. Herbst. Wir wollen uns also tief verbeugen, einen herzlichen Gruss zum Abschied und Richtung Ende eilen.

Wohl war es ein Entzücken,
Zu wandeln im Sonnenschein,
Nur die verflixten Mücken
Mischten sich immer darein.
(Wilhelm Busch)

Nun also. Herbst. Das, was mal noch Zukunft war, ist eingetreten. Wie selbstverständlich. Was bleibt, ist, sich hineinzugeben. Es gibt einen Punkt, da muss man sich fallen lassen. Wie die Blätter fallen lassen. Mitten in den Winter hinein. Willkommen also.

Fleetenkieker & Smutjes Kaffeepott: Wir reisen Deutschland.

Heute morgen um exakt 9.17 Uhr bin ich aus dem Nachtzug – ankommend aus Berlin – gestiegen, hab meinen Rollkoffer hinter mir hergezogen und war glücklich. Das waren nun also fast zwei Wochen Ferien, angefangen mit dem Southside Festival wo ich viele nette magische Momente erlebt habe. Weiter gings dann über Eppertshausen, nähe Frankfurt (einen Abend und einen Tag unter einem Kirschbaum) nach Hamburg. Auf der Schanze erlebte ich, wie es so in Deutschland ist, wenn Deutschland ein Spiel gewinnt (sehr ausgelassen, sehr fröhlich) und schlief unter einer kuscheligen Blümchendecke. Die Schnauze voll von JubelTrubelHeiterkeit gings weiter nach Rügen. In einem kleinen Pferdehof (wir haben die zwei Pferde vor unserem Fenster Hanni & Nanni getauft) verbrachten wir wunderschöne 5 Tage mit viel Sonne, viel Wind, Wiesen, Wälder und ausgedehnten Radtouren über die Insel . Es war erholsam und heute, da ich wieder zu Hause bin, schaue ich in den Spiegel uns sehe mich seit Monaten das erste Mal ohne Augenringe. Wahnsinn.

Wie es immer ist, wenn die Tage lang und frei: Man hat Zeit für Lesestoff und diesmal handelte es sich hierrum:

  • David Nicholls: Zwei an einem Tag – Eine grossartige Liebesgeschichte. Aber Achtung! Kann ziemlich einfahren…
  • Roberto Bolano: Stern in der Ferne – Eine verworrene, magische, lustige, traurige, ernste, heitere, spannende und manchmal auch zähe Geschichte über einen dämonischen Luftpoeten. Lesenswert!
  • Patrick Süskind: Über Liebe und Tod – Ein unterhaltsames und gutes Essay über … Nun, der Titel sagt es ja bereits.
  • Sofja Tolstoja: Eine Frage der Schuld – Anlässlich der Kreutzersonate von Tolstoj verfasste seine Ehefrau eine Replik. Ein sehr guter, kleiner Roman.

Und täglich grüsst … der blanke Horror

Einmal mehr bin ich heute Morgen zur Arbeit gefahren. Der Weg von Zürich nach Winterthur ist eigentlich ein ganz angenehmer Weg, wenn man mal davon absieht, dass man auf dem Fussweg vom Bellevue zum Stadelhofen in die Gegenrichtung der Massen muss und fast jeden Tag von einer Meute griesgrämiger Morgenmenschen fast zertrampelt wird. Ansonsten sind die Züge (eben wegen dieser Gegenrichtung) nicht allzu voll und ich verbringe die täglich Bahnfahrt mit lesen. Alles gut und schön. Wenn da nicht die kurze Busfahrt in Winterthur wäre.

Erstens kommt der Bus immer zu spät. Und zweitens könnte man die Fahrt ohne zu Übertreiben als modernen Nahkampf beschreiben. Ich habe nämlich das Glück, dass an meiner Busstrecke 1. das Technikum liegt, 2. die Gewerbeschule, 3. die Drogenabgabestelle, 4. eine Primarschule, 5. eine Kinderkrippe und 6. das Hallenbad. Jeden Morgen also kämpfe ich mich mit gewaltigen Mengen an Menschen in einen Bus rein und nicht selten kommt es vor, dass ich keinen Platz mehr finde und auf den nächsten Bus warten muss.

Da haben wir die Studenten vom Tech, die irgendwie ungeduscht, mit hängenden Schultern und Tunnelblick genau eine Station fahren und mit riesigen Rucksäcken dann ein mords Chaos veranstalten, weil sie zuhinterst im Bus stehen und zuerst aussteigen müssen. Die Berufsschul-Schülerinnen (und die weibliche Form ist hier durchaus angebracht) formieren sich in Gruppen, riechen nach billigem Parfum, quietschen, schnattern, kichern und kennen keine Gnade. Die Drögeler verhalten sich meist ziemlich ruhig, stinken dafür aber zum Himmel. Oft haben sie Hunde dabei, die nicht weniger stinken. Und dann die Primarschulschüler die eben sind, wie Primarschulschüler sind: etwas desorientiert, laut, ausufernd. Die Mütter mit riesigen Kinderwagen und schreienden Kleinkindern sind da gerade noch harmlos. Und zu guter letzt noch die Klassen, die mit Sportbeutel bepackt ins Hallenbad pilgern oder aber die Rentner, die rüstig und mit stählernen Ellbogen ausgestattet ihrer tägliche Aquafit-Lektion entgegeneilen.

Ich komme also jeden Morgen wie durch die Mangel gedreht bei der Arbeit an und habe das dringende Bedürfnis mich zu waschen oder wahlweise zu kotzen. Jetzt aber hab ich mir ein Fahrrad organisiert und wann immer es das Wetter zulässt, fahre ich die Strecke mit dem Rad und danke Gott für diese grossartige Erfindung.

(Für sehr-sehr-sehr-schlecht-Wetter-Tage habe ich mir überlegt, ob ich mir so eine Paste zulegen soll, die man vielleicht in der Pathologie braucht und sich unter die Nase schmieren kann, wenn der Geruch allzu übel wird. Wär‘ übrigens für den Ausgang auch nicht schlecht, denn jetzt, wo die Clubs und Lokale rauchfrei sind, stinkt es da gewaltig und ist teilweise kaum aushaltbar.)

Flügelschlag oder heiter Raum um Raum durchschreiten

„An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.“ (Charlie Chaplin)

Ich bin vor einiger Zeit auf einen alten Artikel aus dem Magazin gestossen:

„Im 20. Jahrhundert hat es Murphy – der von «Murphy’s Law» (Was schiefgehen kann, wird schiefgehen, und was nicht, erst recht) – als Leiter einer Unterabteilung der Tychomatik zu einigem Ansehen gebracht, aber die griechische Tragödie ist ihm schon lange zuvorgekommen. Die Formel ist ganz einfach: Der schlimmste Fall trifft ein. Was man (an Gutem) erwartet, kommt nicht, solange man es erwartet. Wir ahnen die Tychomatik dort, wo wir «ausgerechnet!» ausrufen und damit etwas meinen, was niemand so ausgerechnet haben könnte.
Wer stoisch ohne Hoffnung auskommt, wäre aus dem Schneider. Man muss etwas nur ernsthaft nicht oder nicht mehr brauchen, und schon bekommt man es. Nichts erwarten, wäre der Ausweg. “
(Aus: Das Magazin: „Der Zufall meines Lebens? Es gibt keinen.“ 07.03.2008 von Fritz Senn)

Gestern bin ich dann mit Häschen auf dem Kies gewesen und hab über Zufälle geredet. Ich glaube ja ans Chaos. Dass kleine Abweichungen langfristig ein ganzes System vollständig und unvorhersagbar verändern. Der Mensch sucht ständig und unaufhörlich nach einem roten Faden: Wenn ich damals nicht dahin gegangen wäre, so wäre ich dir nicht begegnet und hätte somit sie nicht kennengelernt und wäre dann nie dorthin gekommen. So ein Zufall! Oder ist es Schicksal? Wenn man sein Leben betrachtet, könnte man überall schicksalshafte Zufälle erkennen. Und dort, wo man nichts erkennt, schaut man einfach weniger genau hin. Ich denke mir, dass es reine Willkür ist, ob man den richtigen Flügelschlag als Auslöser erkennen kann.

Nichts zu erwarten und keine roten Fäden zu suchen, wäre wohl aber langweilig. Das Kino im Kopf macht schliesslich einen Grossteil der Spannung aus. Die Geschichten, die von grossen Zufällen und vielleicht doch nicht enttäuschten Erwartungen handeln, sind doch die Besten.

„Die zwei grössten Tyrannen der Erde: der Zufall und die Zeit.“ (Johann Gottfried von Herder)

Nach dem Fieber

Da steht ein Baum in einer Frühlingswiese und eine Strasse führt nach Irgendwohin.

Da steht ein Baum in einer Frühlingswiese und eine Strasse führt nach Irgendwohin.

*bläh!* Krank zu sein ist unglaublich nervig. Da liegt man im Bett und fiebert vor sich hin, ist irgendwo gefangen zwischen Traumwelt und sich ähnelnder Wirklichkeit. Langsam aber lässt das Fieber nach und ich kann wieder einigermassen geradeaus sehen.

Irgendwo zwischen Sonntagabend und heute hat es mir die Sicherung rausgehauen, ich hab sie mühsam wieder einschrauben müssen und da hab ich zu mir selbst gesagt: „Fertig lustig. Also, echt. So geht das nicht, wirklich nicht. Herzchen, das Leben auf der Überholspur ist ja gut und recht und auch ziemlich lustig und auch nicht unbedingt langweilig, aber irgendwann muss Schluss sein. Zuviel ist zuviel.“
Nun bin ich also guten Mutes und starken Willens nicht mehr am Notausgang rumzulungern sondern mal wieder einen Fuss an die frische Luft zu setzten. Das ist gut, denn sonst gleicht mein Gesicht bald meinem Herzen: Totenbleich.

Frühling! Rote Wangen und eine wasserabweisende Windjacke für den Fall, dass es regnet.

Wundersame Tage

Es gibt sie. Die sehr seltsamen und wundersamen Tage in unserer Leben. Und meistens geschehen sie dann, wenn man sie unter keinen Umständen erwartet. Es ist so, dass man immer mal wieder über sein Leben nachdenken sollte. Man sollte sich immer mal wieder fragen: Soll ich leben oder eben nicht leben? Weil diese Freiheit ja eben zum Leben gehört. Die aktive Entscheidung, ob man sein soll oder nicht. (Sein oder nicht sein, dass ist hier die Frage.)
Heute war also so ein Tag, ich habe mich sehr ernsthaft gefragt, ob ich sein soll. Am besten funktioniert das, wenn gewisse Komponenten gegeben sind. Man nehme also vorgängig eine gute Diskussion, die einen zum Denken anregt (so wie ich heute die Drehbuchentwurf-Diskussion für einen Kurzfilm). Man nehme möglichst garstiges oder aber extremes Wetter, wie grosse Hitze, sehr starker Regen oder gar Sturm (oder so wie bei mir heute Schneefall und grosse Kälte). Man nehme ein zwei Schluck Alkohol (oder so wie ich heute drei Glas Weisswein). Man gehe dann also nach der sehr anregenden Diskussion durch möglichst unpersönliche Räume (oder so wie ich heute durch drei verschiedene Bahnhöfe, Rolltreppe rauf, Treppe runter, Gänge entlang, an Geleisen vorbei). Man höre möglichst lustige oder aber starke Lieder mit viel, viel, viel Beat. Man sehe in viele Gesichter fremder Menschen. Und dann – genau dann – frage man sich: Will ich leben? Will ich wirklich leben? Man sitzt dann also in einem Bahnhof, später am Abend, ganz allein und trinkt ein Bier (weil man gerade den Zug verpasst) und beantwortet diese sehr ernsthafte Frage. Und heute, heute habe ich gelächelt. Nein, ich habe gegrinst und habe die Frage mit „Ja!“ beantwortet. Und als ich mir die Frage beantwortet habe, passierte das kleine Wunder im Alltag. Hört: Ich ging also mit der Zuversicht von jemandem, der gerade „Ja!“ gesagt hat, durch den Bahnhof und bog ich in den Bahnsteig ein, wo mein Zug fuhr. Der Zug war soeben eingefahren, ich ging einen Wagen entlang, weil ich erst in den zweiten Wagen einsteigen wollte – warum auch immer. Ich blicke also hoch, zum Oberdeck des Wagens und da schaut mich ein Mann an, direkt und klar. Ich hab mir nicht viel dabei gedacht, vielleicht sowas wie: „Oh, kenn ich den?“ Reflexartig hebe ich die Hand und winke ihm zu. Er winkt zurück, ich steige ein und setze mich zu ihm ins Abteil und frage: „Kennen wir uns?“ Er sagt: „Ich weiss es nicht.“ Ich blicke ihn an und lache: „Nein, wir kennen uns nicht.“ Und dann reden wir und finden es sehr schade, dass ich bald aussteigen muss und er fragt, ob ich noch etwas vorhabe und ob wir was trinken gehen und ich entgegne: „Nein, ich hab nichts mehr vor und ja, lass uns was trinken gehen.“ Wir tun also Gesagtes und reden und lachen und verstehen uns sehr gut. Ich begleite ihn zwei Stunden später wieder auf den Zug und er sagt, er möge meine Nase. Es gibt sie. Die sehr seltsamen und wundersamen Tage in unserer Leben. Und meistens geschehen sie dann, wenn man sie unter keinen Umständen erwartet. Gute Nacht!

Ich würde leben

Ich bin jedes Mal wieder fasziniert, wie sehr das Licht ändern kann. Ich finde diesen Umstand so unglaublich! Das Dasein lässt mich immer mal wieder mit offenem Mund stehen. Noch vor ein paar Wochen war alles so anders. Und heute ist alles so anders. Ich kann mir – jetzt schon – nicht mehr vorstellen, wie es war, noch vor ein paar Wochen. Das ist so seltsam! Ich verlier so ungern. Und mit „verlieren“ meine ich: Fallen. Aufgeben. Es-nicht-geschafft-haben. Ich verlier sogar ungern, wenn ich eigentlich hab verlieren wollen.

Gestern hab ich ein Zitat gelesen. Es geht so: „Denn wenn ich wüsste, dass ich sterben könnte, würde ich leben.“ (Terry Pratchett)

Nun. Nun fülle ich meine Zeit mit Farben. Ich giesse klebriges Blau in den Raum und vermische es mit giftigem Grün. Ich heisse mein Vampirherz willkommen und tanze unter einem bleichen Mond.
Nun. Nun vertreibe ich die Geister und hoffe und hoffe und hoffe, dass sie das nächste Mal – obwohl ich mir ein nächstes Mal nicht richtig vorstellen kann – weniger störrisch sind. Weniger und vielleicht auch ohnmächtiger.
2010 ist schliesslich mein Glücksjahr. Wahrscheinlich ist es ja so, dass dieser Lichtwechsel gerade grosses Glück war.