Spielen am Sonntag

Schön, oder?

Schön, oder?

Sonntage sind seltsame Tage. Sie plätschern so vor sich hin, die Sonne geht auf und bald darauf wieder unter und dazwischen liegt braches Land, mit dem man irgendwie wenig anzufangen weiss. Man schläft und geht dann durch den Regen, man isst etwas, nimmt vielleicht eine Kopfwehtablette, schaut einen Film und geht wieder schlafen. Es gibt an Sonntagen zuweilen ganz kleine Momente, wo das Licht aufblitzt. Spielen am Sonntag also:

  • Im Starbucks schöne, fremde Namen auf den Kaffeebecher schreiben lassen. Heute bei mir:
    „Wie heisst du?“ – „Ellie“ – „Wie?“ – „E L L I E“
  • Wetten, die das ganze Leben verändern, eingehen und verlieren.
  • Mit dem „Buch der Antworten“ an den Küchentisch kommen, seine WG-Gschpändli in aufforderndem, dringlichen Ton fragen: „Hast Du eine Frage?“ (Und dann insistieren, bis sie eine Frage stellen.)
  • Jeden Fingernagel in einer andern Farbe anmalen.
  • Auf dem Rücken auf seinem Bett liegen, die Stuckdecke anstarren und sich lustige Zukunftsgeschichten ausdenken.
  • Komische Katermenüs kochen. Rösti mit Späzli und Ketchup oder so.
  • Neue Wörter aus anderen Dialekten lernen. Wie zum Beispiel „Grättimaa“ oder „Teigmanndli“.
  • Sich verlieben.

Alles wird gut, Kleines

Ich mag solche Nächte, die sich anfühlen wie eine gelebte Woche. Wenn man durch die Dunkelheit geht und einem die Sterne ihr Muster in den Rücken brennen – unbemerkt. Ich mag den Tag, wie er aufgeht, nach einer verlebten Nacht. Wenn alles dem neuen Tag weicht und man weiss: Es ist noch nicht vorbei. Ich hab eine Begabung für Nächte. Der Trennungsschmerz zwischen mir und eben einer solchen Nacht, ist unangenehm aber leider nicht vermeidbar. Würden wir den Schmerz scheuen, würden wir die Nacht niemals geniessen können. Mir ist schwindlig. Denn nach der Nacht (und es ist kein Zufall, dass ich gerade in dieser Nacht so losgelassen habe) kommt der Tag. Der andere Tag. Der, der nicht aufgeht. Sondern der, der da ist. Plötzlich. Hell und gleissend. Der einem mitreisst, vor dem man sich nicht verstecken kann. Eigentlich würde ich ja gern nicht hingehen, morgen. Ich würde mich in Dunkelheit flüchten wollen und in Unwissenheit. Weggehen, nicht wiederkommen, nichts wissen, nichts wollen, kein guter Mensch sein. Aber etwas in mir drin verbietet es mir. Etwas in mir drin weiss, dass ich werde hingehen müssen, dass ich all das Bauchweh und die Nervosität werde aushalten müssen. Dass ich mich an der Erinnerung an die Dunkelheit festhalten werde, um den leuchtenden Tag zu überstehen.  Auch so kann es sein. Dass der Schatten nicht der Angstauslöser ist, sondern das Licht. Hinaustreten, Verantwortung übernehmen. Gar nicht mal so einfach.

In diesen Momenten – zum Glück kommen sie selten vor – habe ich Sehnsucht nach zwei Armen, die mich umschlingen. Nach einer gigantischen Bettdecke, die zwischen meinem Kopf und der Welt für Jahre zum liegen kommt. Dann hab ich Sehnsucht nach einer tiefen Männerstimme, die sagt: „Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.“

Kaddisch

Das waren jetzt die seltsamsten 24 Stunden seit langem… Was mir alles passiert ist! Man sagt, ich hätte Gott beleidigt und er macht mich jetzt fertig. So, als wäre gestern nach kurzem, traumlosen Schlaf, als ich die Augen öffnete, ein Schalter umgelegt worden. Der Tag war so unglaublich seltsam, dass es mich nicht erstaunte, als mir mein Weinglas aus der Hand fiel und sich in tausend Scherben über den Boden verteilte. Die Nachricht von meinem Vater, die zu knapp für seine Verhältnisse war, kam zum Schluss. Er schrieb: „Ich kann dich nicht erreichen. Ruf mich an.“

Meine Grossmutter war eine sehr lustige Frau. Eine sehr eigenständige, dickköpfige und fröhliche Person. Der man aber die Abgründe anmerkte. Sie sprach nicht über das wirklich wichtige. Sie erzählte viele Geschichten, aber die wirklich wichtigen Dinge liess sie aus.
Möge ihr die Erde leicht sein.

El malej Rachamim, schochen baMromim,
hamze Menuchah nechonah,
tachat Knafej haSch’chinah,
beMaalot Keduschim, Tehorim veGiborim,
keSohar haRakia mas’hirim. (…)

Es ist besser auszubrennen, als langsam zu verblassen.

(Obiges Zitat ist übrigens von Cobain.) Fauler Sonntag. Wäsche zusammenlegen, dabei ein Hollywood-Film schauen, Kaffee trinken (literweise) und versuchen nicht nachzudenken. Fauler Sonntag.

Gestern hab ich von ElfElf den Kopf gewaschen bekommen, die wiederrum von mir die Leviten gelesen bekam. Die Party, an der wir waren, war die schrecklichste seit langem und dennoch hab ich mehr gelacht als sonst.
Zudem bin ich stolz auf mich. Es gibt doch diese Muster: Man begeht in gewissen Situationen immer die selben Fehler. Klar, die Situationen sind mal so und mal so und man erkennt sie nicht gleich, als die „gemusterten“. Und dann plötzlich, kurz bevor es zu spät ist, taucht das Muster aus dem Dunkel auf. Päng. Und dann weiss man: Entweder ziehe ich die Notbremse genau jetzt oder ich bin verloren. Gemein ist natürlich, dass man die Notbremse so überhaupt nicht ziehen will, weil man (einem Süchtigen gleich) unglaublich gerne würde weitermachen wollen. Man belügt sich und macht sich etwas vor und denkt: „Ach, was. Is doch alles ganz harmlos.“ Ist es natürlich nicht. Ganz und gar nicht. Ich hab sie also gezogen, die Notbremse. Ist mir gar nicht leicht gefallen. Aber ich kenne mich. Langsam aber sicher kenne ich mich. Und du musst wissen, dass ich ziemlich gewitzt sein kann. Ich kenne viele Tricks und jede Geheimtür. Damit ist aber Schluss. Jetzt leide ich einige Zeit und muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass der Fehler, den ich unweigerlich begangen hätte, ein grosser gewesen wäre. Einer, der mich viel hätte kosten können. Die andere Stimme ist laut, wohl war. Die, die sagt: Wer weiss, vielleicht wäre es kein Fehler. Vielleicht wäre es sogar extrem gut. Vielleicht wäre es genau richtig. Und dann denke ich weiter und weiter und weiss, dass es genau richtig ist, wie ich es gemacht habe. Das erste Mal. Das erste Mal lasse ich mich nicht treiben. (Und wer mich kennt, weiss, dass das Gewalt gleich kommt.) Schlussendlich kann ich nur mir selbst etwas vorwerfen. Man wird immer nur so behandelt, wie man es zulässt.

Gestern hab ich mit einem Clown (und es war wirklich einer) ein seltsames Gespräch geführt. Er sagte: „Tatsache ist, dass man zwar mit dem Herzen „ja“ und „nein“ sagen kann. Mit dem Willen hingegen kann man nur „nein“ sagen, niemals „ja“.“

Nun also lass ich den faulen Sonntag, fauler Sonntag sein, gehe ab unter die Dusche, brezle mich auf und dann geht’s raus ins nächste Abenteuer. Eine neue Linie, die sich über meinen Körper zieht. Auf dass die alten verblassen mögen.

„Tue soviel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie nur möglich darüber.“
(Charles Dickens)

Was zu uns kommt

„So ist das Leben und so muss man es nehmen: tapfer, unverzagt und lächelnd, trotz allem.“ (Rosa Luxemburg)

Es ist Sonntagabend, ich höre „Video Games“ von Lana del Rey und sitze (wie könnte es anders sein) im Zug. Ich habe Ferien. Das ist gut. Viel zu lange hab ich keine mehr gehabt. Ich freue mich und bin auch etwas bang. Hier riecht es ein Bisschen nach Sellerie. Ich mag den Geruch von Sellerie nicht besonders. Viel lieber mag ich den Geruch von Tiefgaragen, Zermatt oder von tiefer Nacht.

Und ich bin glücklich. Was für ein nerviges, schwieriges und großartiges Jahr das war. Ich blicke auf meine Hände und betrachte meine Fingernägel, die sich tiefrot in der Fensterscheibe spiegeln. Wie Blut, denke ich. Heute ist ein Tag an dem fremde Menschen viel zu nah an mir vorbeigehen. So, dass ich, vorhin auf dem Bahnsteig, immer einen Schritt zurück machen musste. Als ob sie überprüfen wollten, ob ich die bin, die nach Sellerie riecht. Ich rieche an meinem Pulli und bin mir nicht sicher.

Gerade hab ich Aarau passiert und der Elvetino-Mann riecht nach Nägeli. Nun denn. Besser als… Du weißt schon. Letzte Woche hatte ich ein Zwiegespräch mit meinem Herzen. Ich hab es angehalten zu schweigen und ihm versprochen, dass es später, dann wenn ich Ferien hätte, sprechen dürfe. Und jetzt, da ich Zeit habe und nichts gegen eine Auseinandersetzung hätte, schweigt es. Mehr noch: es ist alles gesagt. Wie schnell sich Dinge verändern können! Ich staune immer wieder.

„Das Abenteuer ist etwas, das seinem Wesen nach zu uns kommt, etwas, was uns wählt und nicht erst gewählt wird.“ (G. K. Chesterton)

Die Nacht zum Tag

„Alles hat einen Ausdruck.“ Dieses Zitat schwirrt mir heute durch den Kopf, keine Ahnung von wem es stammt. Dieser Herbst hat für mich ein ganz eigenes Gesicht, diese Tage sowieso. Es mag ja manchmal verwirrend sein. Alles in allem aber ist es vor allem großartig. Seit dem letzten Herbst habe ich eine Weltreise gemacht, ganz abseits von Geografie. Müsste man sie aber in Geografie ausdrücken, wär das in etwa so: Zuerst fuhr ich weit übers Meer auf eine abgelegene Insel, wo die Sonne schien und das Meer seltsam ausdruckslos dalag. Dann begab ich mich in eine südamerikanische Millionencity, die fremd und eigenartig roch – Düfte so anders und einzigartig! Dann versteckte ich mich einen langen Winter lang auf einer Alp bei einem mürrischen Bergbauern, der unentwegt Milch rührte. Mit dem Licht reiste ich dann in den tiefen Osten Europas, wo ich mit Schaustellern meine Zeit am Trapez verbrachte. Eines Tages dann stand ich vor dem Grossmünster in Zürich und alles mutete künstlich, ja kulissenhaft an. Auf einer Brücke in Bern wurde mir klar, dass eine Reise nie einfach nur eine Reise ist. Alles hat einen Ausdruck.

Jetzt, da ich immer kurz überlegen muss, welchen Wochentag wir haben und die Nacht zum Tag mache, schüttle ich die Angst vor Kontrollverlust ab und habe Spaß. Gerade sitze ich im Zug nach Thun (das zweite Mal in 24 Stunden) und weiss, dass ich diese Nacht – so wie letzte Nacht – nicht mehr als 4 Stunden schlafen werde. Und weißt du was? Es ist mir egal. Irgendwann am Tag morgen (so wie heute auch) werde ich ein, zwei Stunden schlafen können. Wie hat Madonna mal gesagt?: „Man kann Liebe, Job, Hobby, Familie und Erfolg gleichzeitig haben. Was man dann aber sicher nicht hat, ist genügend Schlaf.“

Notizen für Z.

Es sind die kleinen Dinge, die uns ausmachen, nicht wahr? Du öffnest das Tor des Ostens, senkst deinen Kopf matt auf das Kissen. Es riecht nach Fluss und ich flüstre zaghaft deinen Namen. Die Nacht erzählt deine ganze Geschichte. Die Morgenstunde aber legt einen Schleier auf das Kopfsteinpflaster. Ich möchte mich vor dir verbeugen, vor dem, was du getan und vor den Orten, die du hinter dir gelassen hast. Manchen Menschen, die deine Wege kreuzten, die ich nicht mal mit Namen kenne, an denen ich auf der Strasse arglos vorbeigehen würde, möchte ich die Faust ins Gesicht schlagen. Manchen aber möchte ich danken. Es sind die kleinen Dinge, nicht wahr? Und während du schläfst versuche ich zu verstehen, woher du kommst. Das Glänzen in deinen Augen, wenn du von deinen Leidenschaften sprichst, ist ein Geschenk. Es macht mir Mut und gibt mir Zuversicht. Deine langen Finger, die oft plötzlich in der Bewegung inne halten, dann für Sekunden in der Luft stehen bleiben, sind wie Boten einer fernen Zukunft. Du schiebst deine Arme unter das Kissen und von der Strasse dringt der neue Tag hinein. Ich bin mir sicher, dass deine Sicherheit tiefe Wurzeln schlägt. Es ist die Art, wie du über deine Gedanken sprichst. Du betrachtest das Leben mit Nachsicht. Die Unvollkommenheit nimmst du hin, als wäre sie ein kleines Kind, das es nicht besser weiss. Dein Handeln macht mich zu einem besseren Menschen und auch das verzeihst du mir. Ich ziehe meine Knie nah an den Körper, umschlinge sie mit den Armen und während du dich zur Seite drehst, zünde ich mir eine Zigarette an. Das Licht hat sich verändert, die Nacht hat sich soeben auf ihrem Totenbett ausgestreckt. Jemand lädt einen Lastwagen aus und ich frage mich, ob es Socken, Gurken oder Lampen sind. Es sind die kleinen Dinge, die uns ausmachen, nicht wahr? Deine Fröhlichkeit konkurrenziert deine Ernsthaftigkeit nicht. Und dein Lachen ist bezaubernd. Wenn du gehst, dich durch die Tür bückst, verstehe ich deine Klarheit, als ob sie greifbar wäre. Du hast die Gabe meine Bedenken vom Tisch zu fegen, so, dass mich ihre Lächerlichkeit nicht trifft. Würde ich dir danken wollen, ich wüsste nicht wie. Du atmest regelmässig und ich trete ans Fenster und fürchte mich vor dem Moment, da die Sonne hinter den Häusern aufgeht. So, als ob die Sonne dein Erwachen und damit das Ende darstellt. Ich strecke meine Hand aus und streiche dir die Haare aus dem Gesicht. Du erinnerst mich an die Ewigkeit des Augenblicks.

Eine kleine Gutenachtgeschichte in 5 Bildern

Überhöhte Geschwindigkeit

Überhöhte Geschwindigkeit

Leben ist manchmal wie Autofahren. Man biegt irgendwann in die Autobahneinfahrt, erhöht das Tempo und bevor man zweimal gezwinkert hat, ist man mit 220 Sachen unterwegs. Die Landschaft flieht vorbei und die anderen Verkehrsteilnehmer wechseln eilig die Spur. Irgendwann – ich bin gerade einem Lastwagen haarscharf entkommen – dringt das eigene leise Flüstern in mein Ohr: „Langsamer. Langsamer. Bremsen. Tempo drosseln. Langsamer. Laaaaaaangsamer!“ So fühlt sich gerade mein Leben an und irgendwann in der Freitagnacht, ich ging gerade zum dritten Mal eilig die Langstrasse hoch, kam das Warnsignal in meinem Hirn an. Verdammt. Jetzt denk endlich mal nach. Stopp!

Jetzt, nach vielen Stunden Schlaf und zombieartigem Halbwachzustand, komme ich endlich dazu nachzudenken. Zuerst denke ich über die Aussage von Philip Roth im TagiMagi-Interview nach.

Lasst uns kurz innehalten und nachdenken

Lasst uns kurz innehalten und nachdenken

Auf die Frage „Unlängst ist ein Buch erschienen, dessen Autor mehr Realität in der Literatur forderte. Die Kraft der Literatur als Medium der Erfindung habe sich erschöpft. Damit sind Sie wohl nicht einverstanden.“, antwortet Philip Roth: „Ich erfinde die Realität. Das ist mein Beruf als Schriftsteller: das Konstruieren einer überzeugenden Realität aus Worten. Nicht aus dem, was ich sah, als ich neulich die Strasse herunterspazierte. Das tun nur Nicht-Schrifststeller. Die Literatur, das Reich der Erfindung, ist der einzige Ort auf der Welt, in dem wir einen anderen Menschen wirklich kennenlernen können. Im Leben ist das nicht möglich. Wir haben keinen blassen Schimmer vom Wesen anderer, selbst wenn es sich bei diesem anderen um unseren Zwilling handelt. Eheleute, Verwandte, Bekannte – sie wissen genug übereinander, um den Alltag miteinander zu bewältigen. Mehr nicht. Nicht, weil sie Geheimnisse voreinander hätten. Sondern weil wir uns schlicht nicht vorstellen können, was in unserem Gegenüber vorgeht. (…) Sie werden keine andere Frau auf der Welt besser kennen lernen als Madame Bovary. Keine Seele wird Ihnen vertrauter werden als die Anna Kareninas.“ Vielleicht sollte ich mich selbst erfinden, um mich besser kennenzulernen? Nun, ich schweife ab…

Es ist erschreckend. Mir wird klar, dass ich mich seit einigen Tagen fühle, als wäre ich nackt. Ist mir zuvor gar nicht aufgefallen. Kennst Du dieses nackt-in-einer-

Ziemlich blödes Gefühl

Ziemlich blödes Gefühl

Menge-stehen-Traumgefühl? Genau so. Scham also. Hinzu kommt ein Zustand der Unbeweglichkeit. Wie ein gestrandeter Wal. Völlig ausgeliefert. Hast Du gewusst, dass man gestrandete Wale, wenn man sie nicht ins Meer zurück bringen kann, tötet in dem man sie sprengt? Kurz hab ich mir überlegt, ob diese Methode auch bei mir angebracht wäre.

Gestrandeter Wal mit Sprengstoff getötet

Gestrandeter Wal mit Sprengstoff getötet

Aber wie hat Kästner gesagt?: „Je üppiger die Pläne blühen, um so verzwickter wird die Tat.“ Apropos Kästner: Mir ist aufgefallen, dass seine „Lyrische Hausapotheke“ unglaublich gern von unglücklich verliebten Männern verschenkt wird. Über das Warum würde es sich lohnen nachzudenken. Aber ich schweife schon wieder ab…

Die Frage ist ja: Was tun gegen das Nacktheits- und gestrandet-Gefühl? All die Pläne, in denen Dynamit oder Säure vorkommen, müssen verworfen werden. Übrig bleibt leider, leider nur gerade dies: Aufräumen. Loslassen. Und dann, nach all dem Aufräumen und Losgelassenhaben: Dem Monster ins Gesicht blicken. Und in den Augen des Monster spiegelt sich das andere Monster. Das dann ich wäre. Gruslig.

Spiegelbild

Spiegelbild

Perhaps, perhaps, perhaps.

„Du bist aus Wachs und ich aus Holz,“ sage ich und du schaust, als wär das die einfachste Erklärung. Es ist schon so, ich bin aus Holz. Meine Suchtmittel sind holzig, meine Musik ist hölzern und mein politische Einstellung sowieso. Bevor ich dich mundtot machen kann, erklärst du mich deine wächserne Welt. Im Hintergrund meines Kopfes singen Cake „Perhaps, perhaps, perhaps“.

Als ich mich in die 1. Mai-Feierlichkeiten der Züzi-Schönlinge stürzte, hab ich mich gefragt, wer – bitteschön –  den Himmel heute grün angemalt hat. Ich meine: grün? Haaaallooo? Pink hätte viel besser gepasst.

If you can’t make your mind up,
We’ll never get started.
And I don’t wanna wind up
Being parted, broken-hearted.

Und dann ist mir heute etwas sehr peinliches passiert. Ich hab Freunde getroffen und Freunde von Freunden. Unter anderem auch George – ein Freund von Freunden. Ich hab ihm meine Hand entgegen gestreckt und gesagt: „Hallo, ich bin Sabine.“ Und er schaut seltsam. Und da fällt mir ein, dass wir uns mal geküsst haben, vor etwa einem Jahr oder so und tja. Ich hab ihn nicht sofort erkannt. Unglaublich peinlich. Meine Freundinnen haben sehr gelacht. Das sind dann eben die Nachteile eines Hippielebens.

A million times I ask you,
And then I ask you over again.

Quarantäne (im ungemachten Bett!)

Hasenherz steht unter Quarantäne. Hasenherz hat nämlich einen blöden Virus eingefangen, der ansteckend ist. Frau Dr. Unterholz hat Hasenherz verboten unter Leute zu gehen. Nun sitzt Hasenherz mit tränenden Augen (der Virus hat so nette Ausdrucksformen wie Augenentzündung) in der Küche und langweilt sich zu Tode. Hasenherz könnte aufräumen oder basteln oder ihr Bett machen. Hasenherz ist aber lustlos und tigert in der Wohnung rum. Küche – Wohnzimmer – Schlafzimmer – Balkon – Küche (den Rest kannst du dir denken). Fernsehen oder lesen kommt nicht in Frage, weil eben. Augenentzündung. Hasenherz ist schon so verzweifelt, dass sie daran denkt Hörspiele zu hören oder zu telefonieren. (Hasenherz mag beides nicht.)

***

Ich habe letzthin das neue Buch von Amélie Nothomb „Winterreise“ gelesen. Hach, ich liebe die Bücher von Amélie Nothomb. Da gibt es ein paar Stellen, die mir gut gefallen:

„Sich im Winter zu verlieben ist keine gute Idee. Die Symptome sind grandioser und schmerzhafter. Das reine Licht begünstigt den krankhaften Genuss der Erwartung. Kälteschauer steigern das Fieber. Wer sich zum Luciafest verliebt, zittert und bebt drei Monate lang. Andere Jahreszeiten kokettieren mit kleinen Nettigkeiten wie Knospen, Beeren, Blättern, auf die sich die Seele stürzen kann. Die Nacktheit des Winters bietet keine Zuflucht. Trügerischer als Luftspiegelungen in der Wüste ist die berühmte Kälte-Fata-Morgana, die Oase am Polarkreis, ein durch Minusgrade erzeugter Skandal der Schönheit.“

„Sie ist bei weitem das Beste, was ich auf diesem Planeten angetroffen habe. Sie hat keine guten Eigenschaften, sie ist die Güte an sich. Dennoch hat sie sich mir gegenüber grausam und kastrierend verhalten. Wenn aber selbst das Prunkstück der Menschheit nicht mehr taugt, sollte man mit der Gesamtheit aufräumen.“

„(…) also musste ich Schönheit zerstören. Zerstört man je etwas anderes? Es gibt kein Beispiel eines Anschlags gegen die Hässlichkeit. Sie weckt nicht genug Leidenschaft, um solchen Aufwands wert zu sein. Extrem Hässliches ruft bloss sterile Empörung hervor. Allein das Erhabene weckt die Glut, die zu seiner Zerstörung nötig ist. (…) Jeder tötet, was er liebt.“

Ein wirklich sehr lustiges, unterhaltsames, herrlich absurdes und gutes Buch.

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Wo würde Hasenherz lieber sein, als in der Quarantäne? (Stellt sich Hasenherz selbst die Frage, um diese auch gleich selbst zu beantworten.): Hasenherz würde lieber draussen sein. Zum Beispiel in der Bäcki oder im Xenix mit ihren Freundinnen. Hasenherz würde lieber im Zug sitzen und zum Beispiel nach St. Gallen oder auch nach Luzern fahren. Oder mit einem Fremden in einem Kaffee sitzen und sich fragen: „Passt’s oder passt’s nicht?“ Hasenherz würde lieber arbeiten. Hasenherz würde sogar lieber vom Hotel Uto Kulm aus über die Stadt blicken.

„Ich werde ihn mit jener Liebe lieben, die uns alles einflösst, was uns auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.“
(Amélie Nothomb: Winterreise)